Südostbayerische Rundschau vom 27. Februar 2010
Freilassing: Landratsamt bremst Kaminkehrer
 

Freilassing (rgz). Unter den Gegnern des geplanten Biomasseheizkraftwerks tun sich vor allem die Kaminkehrer hervor. Nun weist das Landratsamt die Vertreter dieses Berufsstandes schriftlich darauf hin, dass sie sich in ihrer Arbeitskleidung einer politischen Betätigung zu enthalten hätten.

Neuigkeiten gibt es auch aus der Stadtverwaltung: In einer Pressemitteilung äußert sich Bürgermeister Josef Flatscher enttäuscht über die BN-Ortsgruppe, die sich auf die Seite der Fernwärmegegner geschlagen hat.

In einem Brief an Wolfgang Wagner, den auch dessen Berufskollegen erhalten haben, schreibt das Landratsamt: "Mehrfach ist aus der örtlichen Presse zu erfahren und vor allem zu sehen, dass Unterschriften von Kaminkehrern in Schornsteinfegerkleidung gegen ein geplantes Biomasseheizkraftwerk in Freilassing gesammelt werden." Dieses Einsammeln von Unterschriften verstoße gegen das Schornsteinfegergesetz, "weil der Schornsteinfeger seine Aufgaben und Befugnis nicht mehr unparteilich und neutral wahrnehmen kann." Das Landratsamt weist die Kaminkehrer darauf hin, dass das Einsammeln von Unterschriften und die Teilnahme am Bürgerbegehren ausschließlich ohne erkennbaren Bezug zur dienstlichen Tätigkeit erfolgen dürfe, und droht bei "erneuten Verstößen gegen das Gebot der Unparteilichkeit" mit weiteren Maßnahmen.

Als Maßnahmen kommen ein Verweis und in der nächsten Stufe die Verhängung eines Verwarnungsgeldes bis zu 5.000 Euro in Frage. Im Extremfall droht einem Kaminkehrer der Verlust seines Kehrbezirks und damit seiner beruflichen Existenz. Zum rechtlichen Hintergrund: Kaminkehrer sind für die Sicherheit von Feuerstätten zuständig und erfüllen dadurch eine hoheitliche Funktion. Sie erhalten vom Landratsamt einen Kehrbezirk, in dem sie eine Monopolstellung haben, müssen sich im Gegenzug aber an eine Reihe von Auflagen halten.

Ob die Rechtsauffassung des Landratsamtes in diesem Fall nicht zu eng ausgelegt ist, müsste unter Umständen ein Gericht klären. Denn der vom Landratsamt zitierte Paragraph zwölf des Schornsteinfegergesetzes bringt zwar deutlich zum Ausdruck, dass Kaminkehrer bei ihrer Berufsausübung zur Unparteilichkeit verpflichtet sind; das Sammeln von Unterschriften in der Freizeit gehört allerdings nicht zur Berufsausübung und könnte deshalb womöglich auch dann statthaft sein, wenn der Kaminkehrer, etwa kurz nach Feierabend, seine Berufskleidung noch nicht ausgezogen hat Der Freilassinger Kaminkehrer Wolfgang Wagner jedenfalls weist in einer ersten Reaktion das Schreiben des Landratsamtes mit deutlichen Worten zurück: Es schränke Grundrechte ein, die auch Kaminkehrer genießen würden. "Bezirkskaminkehrer-meister und deren Mitarbeiter sind wohl schlecht als Staatsbürger zweiter Klasse darzustellen."

Was die Debatte um Sinn oder Unsinn von Fernwärme in Freilassing betrifft, gibt es auch aus dem Rathaus Neuigkeiten: Bürgermeister Josef Flatscher weist in einer Stellungnahme die Behauptung der BN-Ortsgruppe zurück, dass der Bedarf an Hackschnitzeln nicht aus der Region zu decken wäre. "Es bleibt der BN-Ortsgruppe unbenommen, sich gegen das Projekt auszusprechen", so der Bürgermeister, "selbst wenn sie sich damit in Widerspruch zum Klimaschutzbündnis ihres Dachverbandes BUND stellt." Statt Opposition in alle Richtungen sollte die Ortsgruppe jedoch das geplante Projekt aus einer realistischen Perspektive betrachten. Auch wenn die nötige Menge an Hackschnitzeln nicht vollständig aus dem Gebiet der Waldbesitzervereinigung Laufen/Berchtesgaden gewonnen werden könnte, wolle man so viel Biomasse wie möglich aus der näheren Region beziehen.

Holz sei in jedem Fall ein einheimischer Rohstoff, im Unterschied zu Erdöl und Erdgas, die aus tausenden Kilometern Entfernung transportiert werden müssten.

Im Gegenzug gehe das dafür aufzuwendende Geld auf Nimmerwiedersehen in Regionen wie den nahen Osten oder nach Russland, während das Biomasseheizkraftwerk die Wertschöpfung in Freilassing und der Region halte würde.

Und der kaufmännische Leiter der Stadtwerke, Franz Aicher, meint: In Bayern gebe es über 400 Biomasseheizkraft- beziehungsweise Biomasseheizwerke. Bei allen Projekten sei neben Klimaschutz und Versorgungs-sicherheit die regionale Wertschöpfung ein wesentlicher positiver Aspekt. Aicher: "Ich frage mich, warum das in Freilassing anders sein sollte."

Wie berichtet hat sich die BN-Ortsgruppe am 17. Februar bei einer Pressekonferenz gegen das von der Stadt geplante Biomasseheizkraftwerk ausgesprochen und zur Begründung angeführt, dass die Wälder in Deutschland zu intensiv bewirtschaftet und deshalb immer weniger ihrer Aufgabe als Kohlenstoffsenken gerecht würden. Das in Freilassing geplante Werk würde laut Berechnungen des BN 30.000 Tonnen Hackschnitzel im Jahr benötigen, im gesamten Freistaat betrage das frei verfügbare Aufkommen an Hackschnitzeln jedoch nur 70.000 Tonnen im Jahr

Als Alternative zum Heizkraftwerk fordert die BN-Ortsgruppe eine bessere Wärmedämmung für die Freilassinger Wohnungen. Darin sieht die Stadtspitze allerdings kein taugliches Argument: Keine Energie zu verbrauchen, wäre natürlich die beste Lösung. "Jedoch", so Bürgermeister Flatscher, "vom Fasten alleine wird man nicht satt. Jeder Organismus braucht eine bestimmte Menge Energie, so auch eine Stadt, ihre Bürger und ihr florierendes Gewerbe. Diesen unvermeidlichen Energiebedarf wollen wir künftig verstärkt aus regenerativen Stoffen decken und nicht mehr aus den immer knapper werdenden Rohstoffen Gas und Öl. Das ist verantwortliche Energiepolitik im Sinne der künftigen Generationen."

 

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