Freilassinger Anzeiger vom 5. Juli 2010
Wind und Wasser als nachhaltige Energieträger, (soll wohl heissen: Wind und Sonne)
Klimaforscher Prof. Dr. Hartmut Graßl zeigte sich im Freilassinger Rathaussaal optimistisch
  FREILASSING (höf) - Am Ende bleiben nur Sonne und Wind. Alles andere, sagt Hartmut Graßl, werde nur einen marginalen Beitrag leisten zur Energie-versorgung der Zukunft. Auch Biomasse könne allenfalls lokal nützlich sein. Das Energie-Einspeisegesetz aber habe gezeigt, dass es manchmal schon reiche, an einem kleinen Schräubchen zu drehen, um positive Veränderung zu erreichen, erklärte Graßl bei seinem Vortrag im Freilassinger Rathaussaal, den die Kreis-Grünen organisiert hatten.

An der mückenreichen Wassermauth in der Au stand der renommierte Klimaforscher zunächst den Medien zur Verfügung, anschließend sprach er im gut besetzten Rathaussaal. Nicht mehr als vier bis fünf Grad Temperatur-unterschied lägen zwischen „Eiszeit-Endmoräne und Palmenwald", erklärte Graßl. Diese relativ geringe Temperaturänderung habe es in den letzten 18.000 Jahren gegeben. Die 0,8-Grad-Erwärmung in einem einzigen Jahrhundert sei also keine Kleinigkeit.

Der Mensch habe langlebige Spurengase in die Atmosphäre gebracht; die Wirkung von Lachgas und Methan beispielsweise sei um ein Vielfaches stärker als jene von Kohlendioxid und allesamt würden noch für Jahrzehnte wirken.

Das Zwei-Grad-Ziel der Politik garantiere nicht, dass Grönland nicht abschmilzt, betonte Graßl.

Was man nicht kenne, seien die „Kipp-Punkte". „Wir wissen nicht, ab wann der Schalter umgelegt wird; also zum Beispiel der Golfstrom abreißt." Diese gigantische Meeresströmung sorgt für ein mildes Klima in Nord- und Mitteleuropa.

Die Kritik, bei der Konferenz in Kopenhagen sei nichts rausgekommen, teilt Graßl nicht, denn das formulierte Zwei-Grad-Ziel sei sehr ambitioniert. „Daran werden sich viele die Zähne ausbeißen." Allerdings räumt der Klimaforscher ein, dass freiwillige Vereinbarungen noch nie funktioniert hätten. Auch der momentane „Elektromobil-Hype" sei nur deshalb entstanden, weil die Autokonzerne ihren Flottenverbrauch nach unten drücken müssten. Graßl lobt dennoch sein Vaterland: „Deutschland zählt zu den innovativsten Ländern der Welt - Pisa hin, Pisa her." Es gebe kaum einen Provinzort, in dem nicht irgendein Weltmarktführer sitze. Optimistisch macht ihn auch das Projekt Desertec. In Afrikas Wüsten soll die Sonne gigantische Mengen Strom liefern.

Nach dem Öl kommt die Sonne." „Sonne und Wind - alles andere ist Zierrat", machte Graßl deutlich.


Die Wirkung von Lachgas und Methan ist um ein Vielfaches höher als die von Kohlendioxid, weiß der gebürtige Ramsauer und renommierte Klimaforscher Hartmut Graßl. Foto: Höfer


In Deutschland müsste man ein Fünftel des Landes mit gedüngten Maisäckern bestücken, um gerade mal vier Prozent der benötigten Energie mit dieser Form der Biomasse zu erzeugen. „In ein paar Jahrzehnten werden wir darüber lachen", ist er überzeugt.

Nebenbei: ein naturnaher Wald bringe mehr als ein Maisfeld. Fossile Energieträger würden Ende des Jahrhunderts fast verschwunden sein, meinte Graßl, und die Kernenergie werde schon 2050 zum Auslaufmodell. „Das ist ein sterbender Schwan". Allerdings werden die Änderungen in den nächsten Jahrzehnten dramatisch sein, prophezeit der Klimaforscher. Und es könnte Überraschungen geben. „T'here may be surprises" heißt es im Bericht des Weltklimarates.

„Die Mittelmeer-Dürre robbt nach Norden", beschreibt es Graßl. Wer heute genug Wasser habe, bekomme dazu. Wo Mangel herrsche, werde es noch weniger. Gewisse Regionen würden freilich von einer Klimaänderung profitieren. „Am Waginger See wäre ein guter Riesling kein Problem." Graßl ist viel rumgekommen in der Welt. Er erzählt von den Problemen der Bauern und Nomaden in Burkina Faso, von umgesiedelten Kleinbauern in China. „Es wird viele Millionen Flüchtlinge geben", befürchtet er und betont: „Wir hier in Europa leben in einem Paradiesgärtlein."

Ein Vorschlag, der Erderwärmung zu begegnen, komme von der NASA, erzählt Graßl mit einem Schmunzeln: Man solle einfach die Erde ein Stück weit von der Sonne wegrücken.

Ob denn Biomasse-Energie in Städten wie Freilassing einen Beitrag leisten könne, wollte Hermann Schubotz wissen. „Das ist nur sinnvoll bei kleinen Einheiten", so die Antwort von Hartmut Graßl. „Auf jedes Haus sollte Solarthermie, wie es in BadenWürttemberg schon verpflichtend ist. Es gibt da viele Möglichkeiten." Man sollte den Stadträten zurufen: „Mehr Mut!" Dafür gab es Beifall vom Publikum.
Auf Honorar verzichtete der Referent und bat darum, das Geld dem nächstliegenden SOS-Kinderdorf zu übergeben.

 
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