Freilassinger Anzeiger vom 5. Juli 2010
Das EEG bester Exportartikel Deutschlands
Gespräch mit dem renommierten Klimaforscher Hartmut Graßl
 

FREILASSING (höf) - Professor Dr. Hartmut Graßl ist anerkannter Experte in Sachen Klima. Er war Leiter der Weltklimaforschung in Genf und langjähriger Direktor des Max-Planck-Institutes für Meteorologie in Hamburg. Neben anderen berät er die bayerische Staatsregierung in Fragen zum Klimawandel. Im April dieses Jahres feierte Graßl, der in der Ramsau aufgewachsen ist, seinen 70. Geburtstag. Die Heimatzeitung hat mit ihm über „sein Thema" gesprochen: die Klimaänderung und die Folgen.

Stichwort Einspeise-vergütung. Auch die ist in der Kritik, weil sie den Strom angeblich verteuert.
Würde man der Kohle jene Kosten aufbrummen, was sie an Umweltproblemen verursacht und an Klimaänderung, dann wäre der Windstrom billiger. Den bräuchte man daher gar nicht mehr zu unterstützen. Bei der Solartechnik muss man den Chinesen dankbar sein, dass sie so billig anbieten, weil dann der Punkt kommt, wo Solarstrom nicht mehr teurer ist als der fossile Strom. Dann ist der Durchbruch da. Dann brauche ich keine Politik mehr, dann macht's die Wirtschaft.

Wir sind uns einig, dass das, was bisher passiert, einfach zu wenig ist?
Weltweit schon. Deutschland läuft Gefahr, von den anderen nicht mehr gesehen zu werden, weil es so voran braust. Man muss auch den Geleitzug haben. Die anderen müssen mitkommen.

Ist Atomenergie ein Thema? Die Internationale Energie-behörde sagt: 300 Kraftwerke in den nächsten 20 Jahren.
Nein. Man braucht nur zu rechnen. Will man nur zehn Prozent der fossilen Energieträger durch Kernenergie ersetzen, die momentan knapp zwei Prozent zur Primärenergie beiträgt, dann bräuchten wir fünf mal so viele Atomkraftwerke wie gegenwärtig laufen. Das wären 2.000 neue Kraftwerke. Seit 2001 nimmt die Zahl der Kraftwerke ab. Als ich vor zwölf Jahren den Umweltpreis erhielt, habe ich gesagt: warum regt ihr euch über einen sterbenden Schwan auf?

Zur Klimaentwicklung: Würden Sie ein paar kühlere Jahre ins Grübeln bringen? Die wärmsten Jahre 1998 und 2005 liegen nun doch schon etwas zurück.
Stimmt. Aber die zwölf wärmsten Monate weltweit, die jemals gemessen wurden, lagen zwischen Juli 2006 und Juni 2007 - und zwar mit Abstand. Auch der vergangene relativ kalte Winter war weit weg von einem Rekordwinter. Wenn jetzt fünf kalte Winter nacheinander kämen, würde das an meiner Einstellung zur globalen Erwärmung nichts ändern.

Letzte Frage: Klinraschutz ist täglich in den Medien. Sagen die Leute inzwischen nicht: Ich kann's nicht mehr hören?
Ja. Da sind aber Sie, also die Journalisten auch mit Schuld, weil das Thema immer sehr kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert wird, während ich als Wissenschaftler einen stetigen Zuwachs an Wissen sehe. Neue Fragen und neue Antworten, neue Befunde. Ein Kommando zurück hat es nie gegeben in den letzten 30 Jahren in der Wissenschaft. Bedenken Sie: In Ihrer Zunft gibt es Leute, die LobbyArbeit machen; die streuen bewusst Sand ins Getriebe oder unterminieren wissenschaftliche Befunde. Ich erinnere nur an die zähe Debatte über Lungenkrebs und Zigarettenrauch.
Herr Professor Graßl, vielen Dankfür das Gespräch.

 
 

Freilassinger Anzeiger: Der größte Rück-versicherer Munich Re sagt, die Folgen des Klimawandels in den nächsten 50 Jahren seien in Deutschland beherrschbar.
Graßl: Ein reiches Land Deutschland kann auf Hochwasserkatastrophen reagieren und Schäden beseitigen. Wenn in Bangladesch 300.000 ertrinken, ist kein Geld da, um Deiche zu bauen. Die Münchner RückVersicherung sagt uns aber auch: Das Ganze wird sauteuer, weil die wetterbedingten Schäden rasch zunehmen. Und das sind Katastrophen, bei denen der Mensch die Hand im Spiel hat.

Was also tun?
Es ist an der Zeit. Wir haben erste Schritte getan: zum Beispiel die ÖkoSteuer-Reform und der Emissionshandel, der Geld in die Kassen bringt für Forschung bei Erneuerbaren Energien, Markteinführung von neuen Techniken und Anpassung an Klimaänderung in den Entwicklungsländern.

Das klingt sehr positiv und hoffnungsfroh. Aber es geht doch nicht wirklich was voran. In den Klimakonferenzen nicht; und in nationaler Politik ebenso wenig.
Die Politik tut zwar wenig und das langsam, aber man kann ihr nicht vorwerfen, sie tue nichts. Was in Kopenhagen erklärt worden ist, nämlich ein weltweites Ziel mit zwei Grad Celsius maximaler Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts, ist in seiner Konsequenz extrem hart. Es bedeutet: noch 20 Jahre zu emittieren wie jetzt, aber dann auf null zu gehen. Beispiel C02: Es müssten 60 Prozent weniger sein, allein um diesen Bereich zu stabilisieren.

Allerdings hat man nicht den Eindruck, dass dies erreichbar wäre.
Die Bundesrepublik macht es doch. Wir sind Vorreiter. Am Ende des Jahres 2009 hatten wir minus 28 Prozent bei den Emissionen gegenüber dem Jahr 1990. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat dazu einen wesentlichen Durchbruch gebracht. 52 Nationen haben das von uns übernommen; es war der beste Exportartikel der Bundesrepublik Deutschland überhaupt.

 
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