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FREILASSING (höf) - Professor Dr. Hartmut
Graßl ist anerkannter Experte in Sachen Klima. Er war Leiter
der Weltklimaforschung in Genf und langjähriger Direktor des
Max-Planck-Institutes für Meteorologie in Hamburg. Neben anderen
berät er die bayerische Staatsregierung in Fragen zum Klimawandel.
Im April dieses Jahres feierte Graßl, der in der Ramsau aufgewachsen
ist, seinen 70. Geburtstag. Die Heimatzeitung hat mit ihm über
„sein Thema" gesprochen: die Klimaänderung und die
Folgen. |
Stichwort Einspeise-vergütung.
Auch die ist in der Kritik, weil sie den Strom angeblich verteuert.
Würde man der Kohle jene Kosten aufbrummen, was sie an Umweltproblemen
verursacht und an Klimaänderung, dann wäre der Windstrom
billiger. Den bräuchte man daher gar nicht mehr zu unterstützen.
Bei der Solartechnik muss man den Chinesen dankbar sein, dass sie
so billig anbieten, weil dann der Punkt kommt, wo Solarstrom nicht
mehr teurer ist als der fossile Strom. Dann ist der Durchbruch da.
Dann brauche ich keine Politik mehr, dann macht's die Wirtschaft.
Wir sind uns einig, dass das, was bisher passiert, einfach
zu wenig ist?
Weltweit schon. Deutschland läuft Gefahr, von den anderen nicht
mehr gesehen zu werden, weil es so voran braust. Man muss auch den
Geleitzug haben. Die anderen müssen mitkommen.
Ist Atomenergie ein Thema? Die Internationale Energie-behörde
sagt: 300 Kraftwerke in den nächsten 20 Jahren.
Nein. Man braucht nur zu rechnen. Will man nur zehn Prozent der
fossilen Energieträger durch Kernenergie ersetzen, die momentan
knapp zwei Prozent zur Primärenergie beiträgt, dann bräuchten
wir fünf mal so viele Atomkraftwerke wie gegenwärtig laufen.
Das wären 2.000 neue Kraftwerke. Seit 2001 nimmt die Zahl der
Kraftwerke ab. Als ich vor zwölf Jahren den Umweltpreis erhielt,
habe ich gesagt: warum regt ihr euch über einen sterbenden
Schwan auf? |
Zur Klimaentwicklung: Würden
Sie ein paar kühlere Jahre ins Grübeln bringen? Die wärmsten
Jahre 1998 und 2005 liegen nun doch schon etwas zurück.
Stimmt. Aber die zwölf wärmsten Monate weltweit, die jemals
gemessen wurden, lagen zwischen Juli 2006 und Juni 2007 - und zwar
mit Abstand. Auch der vergangene relativ kalte Winter war weit weg
von einem Rekordwinter. Wenn jetzt fünf kalte Winter nacheinander
kämen, würde das an meiner Einstellung zur globalen Erwärmung
nichts ändern.
Letzte Frage: Klinraschutz ist täglich in den Medien.
Sagen die Leute inzwischen nicht: Ich kann's nicht mehr hören?
Ja. Da sind aber Sie, also die Journalisten auch mit Schuld, weil
das Thema immer sehr kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert
wird, während ich als Wissenschaftler einen stetigen Zuwachs
an Wissen sehe. Neue Fragen und neue Antworten, neue Befunde. Ein
Kommando zurück hat es nie gegeben in den letzten 30 Jahren
in der Wissenschaft. Bedenken Sie: In Ihrer Zunft gibt es Leute,
die LobbyArbeit machen; die streuen bewusst Sand ins Getriebe oder
unterminieren wissenschaftliche Befunde. Ich erinnere nur an die
zähe Debatte über Lungenkrebs und Zigarettenrauch.
Herr Professor Graßl, vielen Dankfür das Gespräch.
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Freilassinger Anzeiger: Der größte
Rück-versicherer Munich Re sagt, die Folgen des Klimawandels
in den nächsten 50 Jahren seien in Deutschland beherrschbar.
Graßl: Ein reiches Land Deutschland kann auf Hochwasserkatastrophen
reagieren und Schäden beseitigen. Wenn in Bangladesch 300.000
ertrinken, ist kein Geld da, um Deiche zu bauen. Die Münchner
RückVersicherung sagt uns aber auch: Das Ganze wird sauteuer,
weil die wetterbedingten Schäden rasch zunehmen. Und das sind
Katastrophen, bei denen der Mensch die Hand im Spiel hat.
Was also tun?
Es ist an der Zeit. Wir haben erste Schritte getan: zum Beispiel
die ÖkoSteuer-Reform und der Emissionshandel, der Geld in die
Kassen bringt für Forschung bei Erneuerbaren Energien, Markteinführung
von neuen Techniken und Anpassung an Klimaänderung in den Entwicklungsländern.
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Das klingt sehr positiv und hoffnungsfroh.
Aber es geht doch nicht wirklich was voran. In den Klimakonferenzen
nicht; und in nationaler Politik ebenso wenig.
Die Politik tut zwar wenig und das langsam, aber man kann ihr nicht
vorwerfen, sie tue nichts. Was in Kopenhagen erklärt worden
ist, nämlich ein weltweites Ziel mit zwei Grad Celsius maximaler
Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts, ist in seiner Konsequenz
extrem hart. Es bedeutet: noch 20 Jahre zu emittieren wie jetzt,
aber dann auf null zu gehen. Beispiel C02: Es müssten 60 Prozent
weniger sein, allein um diesen Bereich zu stabilisieren.
Allerdings hat man nicht den Eindruck, dass dies erreichbar
wäre.
Die Bundesrepublik macht es doch. Wir sind Vorreiter. Am Ende des
Jahres 2009 hatten wir minus 28 Prozent bei den Emissionen gegenüber
dem Jahr 1990. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat dazu einen wesentlichen
Durchbruch gebracht. 52 Nationen haben das von uns übernommen;
es war der beste Exportartikel der Bundesrepublik Deutschland überhaupt.
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