Freilassinger Anzeiger vom Montag, 21. Juni 2010
Entwicklung im Energiesektor viel zu langsam
Experten vom Bund Naturschutz: Großkonzerne verhindern die Beschleunigung
FREILASSING (fb) - Im Saal der Diakonie stellten auf Einladung des Bundes Naturschutz (Ortsgruppe Freilassing) zwei Experten mehrere Alternativen auf dem Sektor „erneuerbare Energie" vor. Dipl.-Physiker Manfred Reuß erläuterte die solare Nahwärmeversorgung mit thermischen Energiespeichern, und Dipl.-Ing. Alois Zimmermann sprach über seine Erfahrungen mit Wasserstoff als Biomasse. Beide Fachmänner brachten unmissverständlich zum Ausdruck, dass bessere Lösungen als das Verbrennen von Hackschnitzeln vorhanden sind, die Entwicklung aber viel zu langsam und zögerlich voranschreitet.

Die solare Nahwärme mit saisonaler Wärmespeicherung sei eine technisch und ökologisch interessante Lösung zum alternativen Heizen, aber wegen der hohen Investitionskosten vorerst nicht billiger. Biomasse wie Hackschnitzel bringe kontinuierlich die Brennstoffkosten, die den Schwankungen des Marktes unterliegen. Die solare Nahwärme habe feste Erstellungskosten, wobei diese klar berechenbar sind und Kostensicherheit bringen.

Alois Zimmermann bot in seinem Referat den Biowasserstoff für die preisgünstige regionale Energieversorgung an. Er bewohnt im Landkreis Traunstein ein selbst geplantes Wohnhaus, das weder an ein. Stromnetz noch an eine zentrale Wärmeversorgung angeschlossen ist. Der Wasserstoff ermöglicht die Selbstversorgung bei Wärme, Strom und auch im Verkehr. Die Gewinnung des Gases kann mit stabilen Energiepreisen erfolgen, da der Rohstoff (Gras-Silage) aus der Region kommt und mit der Abnahme die heimische Landwirtschaft stärkt.
Der Verbrauch von Wasserstoff ist ohne Schadstoffemission und absolut C02-neutral. Wie funktioniert das? Die Gras-Silage wird mit einem Wirkungsgrad von 70 bis 90 Prozent in Wasserstoff umgewandelt. Per Gasleitung kommt der Wasserstoff nahezu verlustfrei zum Kunden, wo in einer Brennstoffzelle mit einem Wirkungsgrad von 90 Prozent Strom und Wärme erzeugt wird. In Fahrzeugen mit Wasserstoff-Druckspeicher und Brennstoffzelle kann eine Strecke von 500 Kilometern zurückgelegt werden. Die Wasserstofferzeugung erfolgt zentral in einem Wirbelschichtvergaser sowie einem ShiftReaktor und einem Trennsystem.


Mit dem Biowasserstoff als alternative Energiequelle befasst sich seit Jahren Alois Zimmermann.
Die Verwendung der Brennstoffzelle ermöglicht dann eine Kraft-WärmeKopplung bis in das Einzelhaus. Ein Bio-Wasserstoff-Werk für 25 Megawatt Leistung ist in Güssing in Erprobung. Im Wasserstoff-Kompetenzzentrum Herten im Ruhrgebiet ist ein Werk für 13 Megawatt Leistung gefördert im Bau. Die Wasserstoff-Technik ist also bereits vorhanden, Wobei aber noch Entwicklungsarbeit notwendig ist.

Der Dipl.-Ingenieur blickte auf seinen Heimatlandkreis Traunstein, der bereits bis 2020 eine energieautarke Region sein will. Dazu sei es dringend erforderlich, dass Konzepte mit Erdgaserzeugern verifiziert und Standorte für Werke gesucht werden. Eine Betreibergesellschaft müsste gegründet und die Größe des Wasserstoffwerkes festgelegt werden. Weiter sind mögliche Förderungen auszuschöpfen und Beteiligungen zu suchen. Letztlich könnte mit Wasserstoff eine echte Unabhängigkeit von Energie-exporten erreicht und das Ziel einer energieautarken Region erreicht werden.

Eine Vielzahl von Fragen aus dem Publikum mussten die Referenten beantworten, bevor Bert Enzinger in fortgeschrittener Zeit die informative Veranstaltung schließen konnte.

Der Vorsitzende der FWG Heimatliste, Bert Enzinger, begrüßte die Referenten und Besucher mit den mahnenden Worten, dass sich der Energiebezieher von den Großkonzernen lösen müsse. „Der massive Einsatz von Hackschnitzeln ist dazu keine Alternative", meinte Enzinger. Echte Ansätze seien Energieeinsparen, Photovoltaik, Solarthermie, Biogas-Heizkraftwerke, Geothermie und Brennstoffzellen. „Dies sind alles Techniken von heute und können wirtschaftlich eingesetzt werden. Man muss nur zugreifen."

Manfred Reuß führte aus, dass im Jahr 2050 etwa 50 Prozent der verbrauchten Energie aus dem erneuerbaren Sektor kommt, und dann werden 28 Prozent der Solarenergie zuzuschreiben sein. Für die optimale Nutzung solarer Nahwärmeanlagen trügen große Kollektoren auf Dächern (mehr als 100 Quadratmeter) bei. Ferner wird eine Wärmespeicherung zur Anpassung von Angebot und Bedarf erforderlich. Es bedarf ferner eines Zusatzsystems zur Deckung des Restwärmebedarfs und eines Nahwärmenetzes zur Wärmeverteilung. Durch eine spezielle Systemtechnik wird der Verbrauch geregelt. Als Speichertypen können Erdbeckenspeicher mit Wasser, Erdwärmesonden im Boden oder Aquifer-Kies-Wasserspeicher verwendet werden.

Eine Zusatzheizung sei mit einem Brennwertkessel, Biomasse und oder vorrangig Wärmepumpe möglich. Die Systemtechnik basiert auf einem großen Temperaturhub im Speicher sowie einer breiten Temperatur-spreizung und einer möglichst niedrigen Rücklauftemperatur. Eine direkte Durchströmung der Heizung und Frischwasserstationen für das Brauchwasser wird angestrebt.

Als kleines Beispiel nannte der Dipl.Physiker die solare Nahwärme in Attenkirchen bei Freiring, wo auf einer Fläche von 6.200 Quadratmetern 20 Einfamilien- und fünf Doppelhäuser mit einem Gesamtwärmebedarf von 487 Megawattstunden/Jahr versorgt werden. Die größere Variante sei die solare Nahwärme im Ackermannbogen in München. Dort werden 320 Wohneinheiten auf 30.000 Quadratmetern mit 1.350 MWh/Jahr für Heizung und 650 MWh/Jahr für Warmwasser beliefert.



Über solare Nahwärmeanlagen informierte Manfred Reuß.
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