Freilassinger Anzeiger vom 18. Februar 2010
Bund Naturschutz steht hinter dem Bürgerbegehren
Umweltfreundlichkeit des Biomasseheizkraftwerks nur „schöner Schein" - Zu viele Fragen offen
  FREILASSING (sr) - Der Bund Naturschutz, Ortsgruppe Freilassing, Saaldorf-Surheim und Ainring, hat sich jetzt offiziell hinter das Bürgerbegehren „Intelligente Energieversorgung für Freilassings Bürger" gestellt, das den Bau eines Biomasseheizkraftwerks als zentrale Wärmeversorgung verhindern will. Diesen Entschluss hat der Vorstand der BN-Ortsgruppe vergangene Woche einstimmig gefasst, erklärte Vorsitzender Michael Behringer gestern auf einer Pressekonferenz. Die Frage, warum ausgerechnet eine Umweltschutzorganisation ein Projekt ablehnt, bei dem alternative Energieträger genutzt werden sollen, beantworteten die Anwesenden mit dem Argument, dass das geplante Kraftwerk alles andere als umweltfreundlich wäre. Den Vorwurf, „wir Naturschützer seien immer gegen alles", wehrte Behringer vorsorglich ab mit dem Hinweis, dass man ja durchaus Alternativvorschläge habe.

Die maximale Ausbeute des Forstbetriebs Berchtesgaden liegt laut Behringer bei 5.800 Tonnen Hackschnitzeln im Jahr, Freilassing bräuchte mit 30.000 Tonnen also mehr als das Fünffache. Martin Kreft untermauerte dies mit den Angaben der bayerischen Staatsregierung, nach denen derzeit zwar rund 70.000 Tonnen Hackschnitzel pro Jahr frei verfügbar seien, allerdings für ganz Bayern.

„Der Begriff regional scheint sehr dehnbar zu sein", spielte Behringer auf die zu erwartenden langen Transportwege an. „Für manche mögen ja die Oberpfalz und Franken auch noch als regional gelten, für uns aber nicht, wenn man bedenkt, dass ein Lkw 38 Liter Diesel pro 100 Kilometer benötigt." Der Verkehr sei mittlerweile Haupt-Verursacher von klimaschädlichen Gasen, noch vor der Industrie.

Der „letzte Auslöser für den Bund Naturschutz, nicht länger zuzuschauen", so Erich Prechtl, war die im Raum stehende Flächennutzungsplan-änderung für das Kraftwerk. Vor allem die Saalachauen sieht der BN in Gefahr, sollte tatsächlich der Standort B20-Knoten Mitte in Frage kommen. „Bisher war der Konsens, dass östlich der Stadt auf Auenniveau keine weitere Bebauung zugelassen wird. Jetzt geht man sogar über die B20 und scheut sich auch nicht, gesetzlich geschützte Waldgebiete in die Planung mit einzubeziehen", so Prechtl. Unter anderem Eisvogel und Pirol würden bei Bebauung Lebensraum verlieren, warnte er.

Gar mit Klagen drohte Michael Behringer Politikern, die mit der Entscheidung eines Baus im Schutzgebiet gegen die Alpenkonvention verstießen. „Es handelt sich hierbei um einen Staatsvertrag, der in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land Anwendung findet. Daran haben sich Politiker zu halten."

Keinesfalls als Verfechter von konventionellen Energieträgern wie Öl und Gas wollen sich die Naturschützer verstanden wissen. Für sinnvoller halten sie allerdings die Einsparung von Energie. Konkret schlagen sie vor, dass Kommunen finanzielle Anreize für Hausbesitzer schaffen sollen, ihre Immobilien zu sanieren, um den Wärmebedarf drastisch zu senken. Das könne durch das Angebot kostengünstiger Energieberatung geschehen. Dabei sollten alle erdenklichen Fachleute wie Kaminkehrer, Heizungsbauer und Handwerker mit einbezogen werden, sodass jeder Hausbesitzer eine Art persönlichen Kostenvoranschlag für die Sanierung und auch eine Berechnung der, möglichen Energie-einsparung erhält.

 
 

Kritik übten die Anwesenden an mangelnder Information, die es den Bürgern unmöglich mache, zu entscheiden, ob ein solches Heizkraftwerk im Allgemeinen und ein Anschluss an dessen Netz für sie selbst überhaupt Sinn hat. Martin Kreft, Beisitzer der BN-Ortsgruppe, war früher bei der Thales Group für die Durchführung von vergleichbaren Großprojekten verantwortlich. Noch heute arbeitet er freiberuflich für den Elektronikkonzern. Maßgeblich beteiligt war Kreft auch bei der Kläranlage Siggerwiesen in den 80er-Jahren. „Ich beschäftige mich also schon seit Langem mit der Wirtschaftlichkeit solcher Großprojekte", stellte sich Kreft selbst vor und machte sogleich deutlich: „Die öffentliche Hand kann das nicht stemmen." Eine Kommune habe zu viele Interessen zu vertreten. Für unbedingt notwendig hält Kreft eine Projektgesellschaft, die Bau und Betrieb eines solchen Kraftwerks übernimmt. „Das kann ja durchaus die Salzburg AG oder Max Aicher sein, dagegen ist nichts einzuwenden", meinte er.

Für vollkommen unrealistisch hält es der BN-Beisitzer, dass das Kraftwerk im vierten Quartal 2011 in Betrieb gehen könnte. „Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass man bei solchen Vorhaben einen Planungsvorlauf von zwölf bis 24 Monaten hat." Im Falle der Stadt Freilassing seien noch zu viele Fragen wie zum Beispiel nach dem tatsächlichen Wärmebedarf, der Entsorgung von 100 bis 200 Tonnen Asche, der Herkunft der Hackschnitzel und des Kilowatt-stundenpreises für den Endverbraucher offen, erklärte Kreft.

„Allein mit Hackschnitzeln ist ein solches Werk nicht wirtschaftlich zu betreiben", meinte Kreft,tmd schlug einen Mix aus Biomasse (60 Prozent) und jeweils 20 Prozent Öl und Gas vor. Das Problem bei Kommunen ist ihm zufolge, „dass sie Betriebs- und Folgekosten nicht kalkulieren." Ein Unternehmen tue das sehr wohl, denn für eine Firma sei Wirtschaftlichkeit von existenzieller Bedeutung.

Für äußerst bedenklich hält es der BN, dass bei der Diskussion um das hackschnitzelbetriebene Werk die ökologischen Auswirkungen auf den Wald bisher „völlig außer Acht gelassen werden". Mit vielen Zahlen, Statistiken und Grafiken versuchten Michael Behringer und sein Stellvertreter Erich Prechtl zu belegen, dass die in Freilassing geplante benötigte Menge von 30.000 Tonnen Hackschnitzeln pro Jahr nicht aus der Region kommen kann.

Die beiden Naturschützer zogen dafür unter anderem Anga ben des „BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland", der Waldbesitzer-vereinigung Berchtesgaden-Laufen und der Bundeswaldinventur 2008 des Bundeslandwirtschafts-ministeriums heran. „Wir können all diese Zahlen belegen", betonte Erich Prechtl. „Der Waldzustandsbericht des Bundes ist bedenklich", warnte Behringer und sagte passend zum Aschermittwoch: „Ein Wald ist schnell zu Asche gemacht." Die Waldbesitzervereinigung Berchtesgaden-Laufen könne die benötigte Menge an Hackschnitzeln für Freilassing nicht liefern.

 
 
Für BN-Ortsgruppenvorsitzenden Michael Behringer (links) ist die Frage nach der Herkunft der Hackschnitzel für ein Biomasseheizkraftwerk noch offen. Mit Verweis auf die Alpenkonvention drohte er der Politik sogar mit Klagen, sollten Schutzgebiete einem Bau zum Opfer fallen. Rechts der Vorsitzende der FWG Heimatliste Freilassing Bert Enzinger, einer der Vertreter des Bürgerbegehrens „Intelligente Energieversorgung für Freilassings Bürger': Foto: S. Rosenberg
 
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