Freilassinger Anzeiger vom 27. Januar 2010
Sonne und Wind sind Energien des Volkes
Abschluss der „Klimawerkstatt" - Kritik an Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes
  INZELL (vm) - Politische Brisanz hatte der Abschlussabend einer viermonatigen Verbraucher Testphase im Rahmen des Forschungsprojekts „Klimawerkstatt" der TU München im „Bayerischen Hof" in Inzell. Nach dem Vortrag des Trägers des Alternativen Nobelpreises, Dr. Hermann Scheer, wurde in einer hitzigen Diskussion vor etwa 100 Besuchern vor einem Einbruch der Solarwirtschaft durch die kürzlich beschlossene Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) gewarnt. Die Stimmung bei den Teilnehmern der Klimawerkstatt hingegen war .,durchwegs gut", wie Koordinatorin Elisabeth Koch erfreut berichtete. 13 Inzeller Haushalte sparten von Anfang Oktober bis Ende Januar möglichst viel C02 ein.
Hauptreferent Hermann Scheer wetterte gegen die Energie-Konzerne. Fotos: Mergenthal
Den theoretischen Unterbau lieferte Referent Hermann Scheer, Autor des Buches „Energieautonomie" und Mitverfasser des Erneuerbare-EnergienGesetzes (EEG). Den erneuerbaren Energien gehöre die Zukunft, da sie durch eine breite Eigentümer- und Regionalstreuung die regionalen Wirtschaften revitalisierten und zu mehr Autonomie und Gemeinwohlorientierung führten. Niemand könne eine Lizenz auf Sonne oder Wind kaufen. „Sie sind Energien des Volkes." Die Konzerne könnten die Dezentralisierung nur weiter aufhalten, wenn sie von den Regierungen weiter unterstützt würden.

Die Teilnehmer kritisierten anschließend heftig die geplante EEG-Änderung, die unter anderem eine „flexible Marktanpassung" der Förderung für alle Solaranlagen sowie eine einmalige und zusätzliche Absenkung der Vergütungssätze um 15 Prozent ab 1. April vorsieht. Peter Rubeck berichtete, dass in der von ihm begründeten Initiative „Sonnenstrom vom Watzmann bis zum Wendelstein" in neun Jahren über 420 Millionen Euro Umsatz gemacht wurden und dass im Kreis Traunstein der Strom schon zu 50 Prozent aus erneuerbaren Energien stamme. Die EEG-Änderung „wird unsere Region als Erstes treffen", betonte er. „Es eilt", sagte ein anderer und warnte vor Einbrüchen für das regionale Handwerk. Man rang um schnelle Reaktionsmöglichkeiten, wie eine Internet-Petition.

 
 

„Wir haben erlebt, dass es geht", berichtete Dr. Christian Ganzert vom TU-Team. „Bei den meisten Verbrauchern kam der Eindruck auf, dass es kein Verzicht ist, sondern eher eine Bereicherung, ergänzte Kollegin Julia Knechtel. Koch bezeichnete es als Herausforderung, Forschung und Konsumenten zusammenzubringen. Als Ermutigung, weiter das Klima zu schonen, erhielten alle Testverbraucher von der TU Buttons mit der Aufschrift „Klimawerker". Durch Unterstützung des Projekt-Partners, dem Regiogeldverein „Chiemgauer", kann die Verbrauchergruppe auch einen informativen Ausflug unternehmen.

Dass „es geht", zeigten auch eine Ausstellung heimischer Anbieter mit Umwelttechnik und gesunden Lebensmitteln sowie die Vorstellung anderer erfolgreicher Projekte in der Region: Inzells Bürgermeister Martin Hobmaier berichete, dass es in der Gemeinde schon lange zwei Bürgersolarkraftwerke gebe, auf den Dächern der Schule seit etwa 2000 und des Badeparks seit 2004. Über regionale Wege aus der Wirtschafts- und Finanzkrise sprach Franz Galler, Initiator der Regionalwährung des Berchtesgadener Landes „Sterntaler"

und Gründer der Genossenschaft „RegioSTAR eG", die unter anderem einen Regio- und Bioladen in Mitterfelden betreibt und auch beim Aufbau ähnlicher Läden hilft.

Neu entstanden ist der „Sonnen-almgarten" auf der Neubichler Alm am Högl als Schritt zur Selbstversorgung. Geplant ist ein Dienstleistungs-Tauschring. Ziele für gemeinschaftliche Lösungen von Krisen müssten sein, klein und überschaubar sowie einfach und natürlich zu bleiben, Vielfalt zu erhalten, auf kurzfristige Rendite zu verzichten und Eigentum auch mal gemeinsam zu nutzen. Vorbilder sind für ihn Friedrich Wilhelm Raiffeisen, um 1850 einer der größten Sozialreformer, und der Oberndorfer Philosoph Leopold Kohr (1909-1994), der die Gefahr vor allem in der Größe sah und ein „Zurück zum menschlichen Maß" forderte.

Das Ökomodell Achental mit Initiativen wie direkter Kooperation von Land- und Gastwirten oder dem Biomassehof in Grassau, der auch andere neue Projekte in der Region unterstützt, stellte Wolfgang Wimmer vor.

 
 
Die Inzeller Koordinatorin Elisabeth Koch (links) mit der TU-Forschungsgruppe (von links): Julia Knechtel, Dr. Christian Ganzert, Marianne Pfaffinger, lftikhar Rusin und Anika Gaggermeier.
 
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