| |
INZELL (vm) - Politische Brisanz hatte der Abschlussabend
einer viermonatigen Verbraucher Testphase im Rahmen des Forschungsprojekts
„Klimawerkstatt" der TU München im „Bayerischen
Hof" in Inzell. Nach dem Vortrag des Trägers des Alternativen
Nobelpreises, Dr. Hermann Scheer, wurde in einer hitzigen Diskussion
vor etwa 100 Besuchern vor einem Einbruch der Solarwirtschaft durch
die kürzlich beschlossene Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes
(EEG) gewarnt. Die Stimmung bei den Teilnehmern der Klimawerkstatt
hingegen war .,durchwegs gut", wie Koordinatorin Elisabeth Koch
erfreut berichtete. 13 Inzeller Haushalte sparten von Anfang Oktober
bis Ende Januar möglichst viel C02 ein. |

Hauptreferent Hermann Scheer wetterte gegen die Energie-Konzerne.
Fotos: Mergenthal
Den theoretischen Unterbau lieferte Referent Hermann Scheer, Autor
des Buches „Energieautonomie" und Mitverfasser des Erneuerbare-EnergienGesetzes
(EEG). Den erneuerbaren Energien gehöre die Zukunft, da sie durch
eine breite Eigentümer- und Regionalstreuung die regionalen Wirtschaften
revitalisierten und zu mehr Autonomie und Gemeinwohlorientierung führten.
Niemand könne eine Lizenz auf Sonne oder Wind kaufen. „Sie
sind Energien des Volkes." Die Konzerne könnten die Dezentralisierung
nur weiter aufhalten, wenn sie von den Regierungen weiter unterstützt
würden.
Die Teilnehmer kritisierten anschließend heftig die geplante
EEG-Änderung, die unter anderem eine „flexible Marktanpassung"
der Förderung für alle Solaranlagen sowie eine einmalige
und zusätzliche Absenkung der Vergütungssätze um
15 Prozent ab 1. April vorsieht. Peter Rubeck berichtete, dass in
der von ihm begründeten Initiative „Sonnenstrom vom Watzmann
bis zum Wendelstein" in neun Jahren über 420 Millionen
Euro Umsatz gemacht wurden und dass im Kreis Traunstein der Strom
schon zu 50 Prozent aus erneuerbaren Energien stamme. Die EEG-Änderung
„wird unsere Region als Erstes treffen", betonte er.
„Es eilt", sagte ein anderer und warnte vor Einbrüchen
für das regionale Handwerk. Man rang um schnelle Reaktionsmöglichkeiten,
wie eine Internet-Petition.
|
|
| |
„Wir haben erlebt, dass es geht", berichtete
Dr. Christian Ganzert vom TU-Team. „Bei den meisten Verbrauchern
kam der Eindruck auf, dass es kein Verzicht ist, sondern eher eine
Bereicherung, ergänzte Kollegin Julia Knechtel. Koch bezeichnete
es als Herausforderung, Forschung und Konsumenten zusammenzubringen.
Als Ermutigung, weiter das Klima zu schonen, erhielten alle Testverbraucher
von der TU Buttons mit der Aufschrift „Klimawerker".
Durch Unterstützung des Projekt-Partners, dem Regiogeldverein
„Chiemgauer", kann die Verbrauchergruppe auch einen informativen
Ausflug unternehmen.
Dass „es geht", zeigten auch eine Ausstellung heimischer
Anbieter mit Umwelttechnik und gesunden Lebensmitteln sowie die
Vorstellung anderer erfolgreicher Projekte in der Region: Inzells
Bürgermeister Martin Hobmaier berichete, dass es in der Gemeinde
schon lange zwei Bürgersolarkraftwerke gebe, auf den Dächern
der Schule seit etwa 2000 und des Badeparks seit 2004. Über
regionale Wege aus der Wirtschafts- und Finanzkrise sprach Franz
Galler, Initiator der Regionalwährung des Berchtesgadener Landes
„Sterntaler" |
und Gründer der Genossenschaft „RegioSTAR
eG", die unter anderem einen Regio- und Bioladen in Mitterfelden
betreibt und auch beim Aufbau ähnlicher Läden hilft.
Neu entstanden ist der „Sonnen-almgarten" auf der Neubichler
Alm am Högl als Schritt zur Selbstversorgung. Geplant ist ein
Dienstleistungs-Tauschring. Ziele für gemeinschaftliche Lösungen
von Krisen müssten sein, klein und überschaubar sowie
einfach und natürlich zu bleiben, Vielfalt zu erhalten, auf
kurzfristige Rendite zu verzichten und Eigentum auch mal gemeinsam
zu nutzen. Vorbilder sind für ihn Friedrich Wilhelm Raiffeisen,
um 1850 einer der größten Sozialreformer, und der Oberndorfer
Philosoph Leopold Kohr (1909-1994), der die Gefahr vor allem in
der Größe sah und ein „Zurück zum menschlichen
Maß" forderte.
Das Ökomodell Achental mit Initiativen wie direkter Kooperation
von Land- und Gastwirten oder dem Biomassehof in Grassau, der auch
andere neue Projekte in der Region unterstützt, stellte Wolfgang
Wimmer vor. |
|