Freilassinger Anzeiger vom 20. Januar 2010
Stadt prüft Partnerschaft beim Biomassewerk
Salzburg AG will mit ins Boot - Vor- und Nachteile einer Kooperation im Stadtrat diskutiert
  FREILASSING (st) - Eventuell mit einem Kooperationspartner wird die Stadt Freilassing ihre Pläne für ein Biomasseheizkraftwerk verwirklichen. Bei der Stadtratssitzung am Montag unterbreitete Dipl.-Ing. Gerald Tscherne im Namen der Salzburg AG einen Vorschlag zur Zusammenarbeit, der einen Verbund mit Salzburg vorsieht. Auch andere Interessenten haben aber bereits bei der Stadt angeklopft, nämlich das Versorgungsunternehmen E.ON Bayern und Unternehmer Max Aicher. Letzterer saß ebenso unter den zahlreichen Zuhörern wie der Geschäftsführer der Wirtschafts-förderungs-gesellschaft Berchtesgadener Land, Dr. Thomas Birner, sowie Vertreter des Bürgerarbeitskreises Biomasseheizkraftwerk Freilassing, der einen Bürgerentscheid über dieses Projekt anstrebt. Nach umfassender Diskussion beschloss der Stadtrat gegen fünf Stimmen aus den Reihen der FWG-Heimatliste, mögliche Varianten für eine Partnerschaft vertieft prüfen zu lassen. „Ziel ist ein ökologisch und ökonomisch sinnvoller Wärmeverbund mit den daraus resultierenden Vorteilen anstelle einer isolierten Lösung für Freilassing", heißt es im Beschluss.

Auf der anderen Seite bedeute eine Kooperation auch, dass die Abstimmung zwischen den Partnern im Bereich Betrieb und Netzausbau schwieriger sein könne. Ziele der Stadt Freilassing seien der Netzausbau und die Sicherung günstiger Tarife. Bei einem Kooperationspartner müsse davon ausgegangen werden, dass die Rendite stärker im Mittelpunkt steht. Die Zielsetzungen der Kooperationspartner müssten sich in Einklang bringen lassen. Bei einer Zusammenarbeit mit Salzburg müssten auch die EU-rechtlichen Vorgaben geprüft werden.

Die Diskussion eröffnete Josef Kapik, der erklärte, die CSU stehe dieser zukunftsträchtigen Zusammenarbeit positiv gegenüber. „Etwas unglücklich7" sei allerdings die Beteiligung des Stadtrats Roland Richter, mit dessen Ingenieurbüro die Salzburg AG zusammenarbeitet. Allerdings erklärte Gerald Tscherne, dass an das Büro Richter noch keinerlei Planungsauftrag erteilt worden sei. Lediglich im Zusammenhang mit der Erschließung habe es eine Anfrage gegeben, weil das Büro bereits einmal einen Kreisverkehr an der Stelle geplant habe.

Fritz Braun (FWG-Heimatliste) gab zu bedenken, dass die Salzburg AG in erster Linie der Versorgung der Kunden jenseits der Grenze erpflichtet sei. So könnte es bei Versorgungsengpässen rasch zu Diskrepanzen mit dem deutschen Partner kommen. Die Vorgehensweise der Salzburger in Eham habe das Vertrauen nicht gerade gefördert, meinte er und vermisste auch eine klare Aussage über die Verteilung der Gewinne aus der Stromerzeugung. Gerald Tscherne erwiderte, diese flössen in die Kalkulation des Wärmepreises ein. Ohne die Einspeisevergütung würde die Megawattstunde mindestens 90 Euro kosten.

Die Glaubwürdigkeit des Stadtrats bedroht sah Ludwig Unterreiner (FWG-Heimatliste). Erst vor einem Jahr sei beschlossen worden, dass die Stadt das Kraftwerk allein betreibt, nun komme man wieder davon ab.

Dass sich auch private Investoren für das Freilassinger Fernwärmeprojekt interessieren, wertete Ernst Wohlschlager (Grüne/Bürgerliste) als Zeichen für dessen Zukunftsträchtigkeit. Die Salzburg AG sei ein verlässlicher Partner, warb er für das vorgeschlagene Kooperationsmodell. Freilassing habe den Nutzen aus dem Fernheizwerk und als gleichberechtigter Gesellschafter auch „die Hand drauf". „Eine Kooperation ist besser als eine Insellosung, weil sie den Kunden zugutekommt", betonte er.
August Schatzl (CSU) hielt auch eine Kooperation mit der E.ON oder Max Aicher für diskutabel. 3. Bürgermeister Michael Hangl (SPD) meinte aber, dass nur die Salzburg AG den Vorteil des Verbunds mit Wärmeverkauf nach Salzburg im Sommer böte.

 
 

Diese Vorteile sind vor allem finanzieller Natur nicht nur für die Stadt als Mit-Gesellschafter, sondern auch für die späteren Endkunden. Einen Wärmepreis von unter 70 Euro pro Megawattstunde hält Gerald Tscherne, Leiter des Bereichs Kraftwerke der Salzburg AG, für realistisch, wie er auf Anfrage von Gottfried Schacherbauer (CSU) erklärte. Bei den jetzigen Plänen mit einem allein von der Stadt betriebenen Heizwerk war ein Preis von unter 80 Euro angestrebt, erläuterte kaufmännischer Werkleiter Franz Aicher. Derzeit müssten die Freilassinger Fernwärmekunde durchschnittlich rund 90 Euro bezahlen, in Zeiten des hohen Ölpreises waren es aber auch schon einmal über 100 Euro. „Das spricht für sich", meinte Elisabeth Hagenauer (Grüne/Bürgerliste), die sich nach den Vergleichspreisen erkundigt hatte.
Von den Vorteilen einer partnerschaftlichen Lösung versuchte der Vertreter des Salzburger Energie- und Verkehrsunternehmens dann die Stadträte zu überzeugen. Der Salzburg AG schwebt ein Biomasseheizkraftwerk mit einer Leistung von elf Megawatt vor. Es könnte 6.500 Haushalte mit Wärme versorgen. Der gleichzeitig erzeugte Ökostrom würde dabei für rund 3.000 Haushalte ausreichen. Im Gegensatz zum Eham-Projekt vor vier Jahren, wo die Salzburg AG ein knapp dreimal so großes Kraftwerk plante, soll die erzeugte Energie diesmal zumindest im Winter voll den Freilassingern zur Verfügung stehen. Nur in der Übergangszeit und im Sommer würden Überschüsse in das Salzburger Netz eingespeist. Dazu müsste eine Leitung nach Liefering gebaut werden.

„Das erhöht den Ausnutzungsgrad um 25 bis 30 Prozent", warb der Salzburger Kraftwerksspezialist für seine Pläne. „Von 60 Prozent bei einer Freilassinger Insellösung steigt die Ausnutzung auf bis zu 90 Prozent, was natürlich letztlich wieder den Kunden zugutekommt." Das von den Stadtwerke in einem ersten Schritt geplante Kraftwerk mit vier Megawatt könne aufgrund des geringen Ausnutzungsgrades nur „wirtschaftlich grenzwertig" betrieben werden.

Das wäre auch bei einer eventuellen Erweiterung nicht anders, rechnete er vor. Als Gesellschaftermodell stellt sich die Salzburg AG die Gründung einer GmbH mit ihr und den Freilassinger Stadtwerken als gleichberechtigte Partner vor. Noch 2011 soll wie geplant Wärme erzeugt werden.

Die Pläne, die die Salzburg AG mit Freilassing hat, reichen aber noch weiter in die Zukunft. Neben dem Biomasseheizkraftwerk, für das als Standort ein Gebiet beim Knoten Mitte in Frage käme, soll eine „Bioenergiepark" entstehen mit einer Biogasanlage, PhotovoltaikModulen auf sämtlichen verfügbaren Dächern sowie eine Biogas- und Elektrotankstelle. Der Gas-Treibstoff soll aus 5.000 Tonnen Wiesengras jährlich gewonnen werden. Speziell der öffentliche Nahverkehr könnte so umweltfreundlich betrieben werden. „Wir haben schon mehrere Interessenten für einen solchen Ökoenergiepark, aber Freilassing wäre dafür besonders gut geeignet", sagte Tscherne.

Ein Vorteil wäre zum Beispiel die Lage der Tankstelle im Kreuzungspunkt der Bundesstraße 20 und 304 (Grenzstraße). Für die Erschließung ist die Schaffung eines Kreisverkehrs vorgesehen. Vorsorglich hat die Stadt aber schon einmal angekündigt, sich an der Finanzierung nicht zu beteiligen. Gerald Tscherne kündigte an, dafür bereits innerhalb von sechs Wochen einen Finanzierungsvorschlag zu unterbreiten.

„Eine Kooperation hat immer Chancen und Risiken, egal ob mit der Salzburg AG oder einem anderen Partner", meinte kaufmännischer Werkleiter Franz Aicher, für die Stadt federführend beim Projekt Biomassefernheizwerk. Beim Wärmeverbund mit Salzburg würden mehr fossile Energieträger durch biogene Brennstoffe ersetzt als bei einer isolierten Lösung für Freilassing. Der Verbund biete eine wesentlich höhere Ausnutzung der Freilassinger Wärmeerzeugungsanlagen, höhere Planungssicherheit hinsichtlich Wärmeabnahme sowie finanzielle Vorteile für die Abnehmer.

 
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