| München - Während
der Euro mit dem slowenischen Tolar Anfang 2007 eine weitere nationale
Währung ersetzt, wächst im Kleinen Konkurrenz zum europäischen
Einheitsgeld nach. Allein in Deutschland werden mittlerweile ein
gutes Dutzend Regional-währungen herausgegeben; mit der bekanntesten
wird in der Chiemsee-Gegend bezahlt. Volkswirte beäugen die
Initiativen skeptisch.
Von den Elektrizitätswerken in Schönau bis zum Autohaus
Schlögl in Traunreut, von der Bäckerei Miedl in Brannenburg
bis Irmi's Käseladl in Waging: Bei über 500 Händlern
und Dienstleistern in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein können
Verbraucher ihre Rechnung nicht nur in Euro, sondern auch in Chiemgauern
begleichen. Über 1500 Menschen in der Region zücken an
der Kasse regelmäßig das Regionalgeld, das in 1er-, 5er-,
10er-, 20er- und 30er-Scheinen umläuft. Einige Wasserburger
Geschäfte rechnen mittlerweile sogar bargeldlos ab.
„Wir sind selber überrascht, was daraus geworden ist",
sagt Christian Gellen. Der 3 2-jährige Rosenheimer gab die
Parallel-Währung, die 1-zu-1 am Euro hängt, 2003 mit Schülern
erstmals heraus. Damals war er noch Lehrer an der Waldorfschule
Prien, der Chiemgauer ein Unterrichtsprojekt. Heute sitzt Gelleri
dem Verein Chiemgauer e. V. vor (08031-352665); die an dem Gutschein-System
beteiligten Unternehmen erwarten heuer einen Umsatz von 1,4 Millionen
Euro in Chiemgauern.
Die Idee hinter dem Oberbayern-Geld ist dieselbe wie die von 15
anderen deutschen Lokalwährungen, die laut der Initiative Regiogeld
auch in Berchtesgaden und Wolfratshausen zirkulieren: Der Euro soll
ergänzt werden, um die einheimische Wirtschaft zu fördern
und Arbeitsplätze zu erhalten. Regionalisierung statt Globalisierung,
lautet das Motto. Denn da das Geld nur in einem begrenzten Raum
akzeptiert wird, kann keine Kaufkraft ins Ausland abfließen,
wie Gellen, und andere Verfechter des Regiogeld-Prinzips dozieren.
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In Rosenheim, Prien oder Traunstein stecken bei immer mehr Verbrauchern
Chiemgauer-Scheine im Portmonee. Gut 65.000 Euro sind derzeit im Umlauf.
Erfunden haben das Regionalgeld Christian Gelleri (kl. Foto) und sechs
seiner früheren Schülerinnen an der Waldorfschule in Prien.
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Um das System in Schwung zu halten, können Verbraucher
die bei 30 Ausgabestellen (wwww.chiemgauer.info) erhältlichen
Chiemgauer nicht in Euro zurückwechseln. Ihnen bleibt nichts
anderes übrig, als alles zu verpulvern. Zudem verliert jeder
Chiemgauer-Schein zum Quartalsende zwei Prozent an Wert, die als
Spenden an gemeinnützige Organisationen abgeführt werden.
Es macht also keinen Sinn, das Geld zu horten, weswegen die Währung
doppelt so schnell umläuft wie der Euro.
Auch Betriebe, die am System teilnehmen, werden dazu angehalten,
die Chiemgauer auszugeben, um etwa lokale Lieferanten zu bezahlen.
Sie können zwar mit der Währung Euros kaufen, doch dabei
müssen sie fünf Prozent Gebühren abführen. Zwei
Prozent fließen als Unkostenbeitrag an Gelleris Verein. Der
Rest wird ebenfalls an örtliche Einrichtungen gespendet. „Dadurch
gewinnt die Gemeinschaft", sagt Gelleri.
Der Wirtschafts pädagoge wird nicht müde auf die Vorteile
des Systems hinzuweisen. Die Verbraucher und Unternehmen würden
verstärkt einheimische Produkte kaufen, wodurch vor allem Nahrungsmittel-produzenten
profitierten.
Probleme mit Bekanntheit:
„Kennen wir nicht"
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Gelleri nennt als Beispiel die
Kelterei Stadler in Piding:
Zahlreiche Supermärkte und Lebensmittel-Läden würden
ihre Chiemgauer bei dem Getränke-produzenten eintauschen, um
Fruchtsäfte zu beziehen. Dadurch profitiert nach seiner Einschätzung
aber nicht nur Stadler. Gelleri: „Die Umwelt wird geschont,
weil weniger Saft von weiter her angeliefert werden muss."
Von der Bundesbank, die in Deutschland mit der Bargeld-versorgung
betraut ist, werden Projekte wie der Chiemgauer gelassen beobachtet.„Solange
das keine größeren Ausmaße annimmt, bleiben wir
entspannt" , heißt es in Frankfurt. In der volkswirtschaftlichen
Abteilung der Bank wird jedoch am System an sich gezweifelt: Den
Teilnehmern entstünden durch den quartalsweisen Wertverlust
und die Umtauschgebühr hohe Kosten, sagen Ökonomen. Stattdessen
könnten Regionen auch durch bewusstes Einkaufen gefördert
werden. Auch Spenden seien ohne Chiemgauer möglich.
Christian Gelleri hält dagegen und zitiert aus Studien zum
Kaufverhalten: Demnach wollten zwar 80 Prozent der Verbraucher regionale
Anbieter stärken. Im Supermarkt würden aber nur sechs
Prozent dieses Vorhaben tatsächlich umsetzen. „Ein sanfter
Druck schadet nicht", sagt er. Ein Problem des Projekts sieht
der Vater des Chiemgauers eher in dem gebietsweise noch immer geringen
Bekanntheitsgrad. Denn selbst bei der Rosenheimer IHK-Geschäftsstelle
wundern sich die Angestellter noch: „Chiemgauer? Den kennen
wir nicht."
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