Freilassinger Anzeiger vom 9. Juni 2005
Das Wissen der Ahnen weitertragen
Indianer Tim Sikyea ruft dazu auf, die Erde zu ehren und zu schützen

GROSSGMAIN/TRAUNSTEIN (VeS) "Die Erde ist unsere wahre Mutter, und sie liebt uns bedingungslos" - mit dieser Botschaft kam der Dene-Lakota-Indianer Tim Sikyea für einige Tage nach Traunstein und Großgmain und stieß mit seinen Botschaften auf große Resonanz. Allein sein Vortrag in Traunstein zog weit über 200 Menschen in den Rathaussaal. Ähnlich war es tags drauf in der Schule in Großgmain. Viele Menschen suchten auch das persönliche Gespräch, etwa bei der interreligiösen Feier im Marien-heilgarten oder an zwei Seminar-tagen, als er Interessierte lehrte, einen Traumfänger zu bauen.

Sein Besuch war Teil seiner Lebensmission. Er versteht sich als Bote traditioneller indianischer Kultur. Bereits mit 14 Jahren verließ er sein Dorf im Nordwesten Kanadas, um durch die Welt zu reisen und das Wissen seier Ahnen weiterzutragen.

Wo immer Tim Sikyea sich aufhält, versucht er, die Menschen mit der indianischen Spiritualität vertraut zu machen. So auch in Deutschland, in Nürnberg betreibt er ein Zentrum für indianische Lebensart, und seit vielen Jahren lädt er in Wittenberg zur Zeremonie des „Erdtanzes", einem mehrtägigen Zyklus heiliger Tänze, Rituale und Gebete. Denn er will bewusst machen, dass die Erde den Menschen alles gebe, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Wasser, Feuer und das Material für Kleidung. Sikyea sieht die Erde als einen großen Ball aus Energie, und alle Menschen sind Teil von ihr. Alles sei beseelt von der einen selben Kraft: „Wir nennen sie das Große Geheimnis, Great Mystery, ihr nennt sie Gott".

Dene-Lakota-Indianer Tim Sikyea
Der Dene-Lakota-Indianer Tim Sikyea berührte bei seinem Besuch viele hundert Menschen.

Sikyeas wichtigstes Anliegen ist es, den Menschen zu vermitteln, dass sie verbunden sind mit allen anderen Lebewesen - und dass es möglich ist, mit diesen „anderen" in lebendigen Kontakt zu treten. „So wie man einem Menschen sagen kann, dass man ihn ehrt und schätzt, so kann man das auch einem Baum sagen."

Im Weltbild der Indianer ist die Gewissheit verankert, dass es neben den sichtbaren Kreaturen auch Wesen in der geistigen Welt gibt, die mit uns in Kontakt stehen, uns begleiten und führen.

Bei der Heilungs-Zeremonie in Großgmain rief Sikyea diese „Helfer" mit eindrucksvollen Gesängen, und auch seine Vorträge begann er mit einem „spirit call", einem Ruf und Dank an die Begleiter aus der spirituellen Welt. „Auch wenn wir sie nicht sehen, sie tun enorm viel für uns."

Bei seinen Reisen durch die Welt beobachtet Sikyea, dass der moderne westliche Mensch sein materielles Wohl überbewerte, und dabei die spirituellen Aspekte seines Daseins vernachlässige. „Ihr verschwendet eure Zeit und Energie damit, zu konsumieren und Besitz zu erwerben, und ihr habt nicht mal mehr Zeit, das alles zu genießen." Durch die Verstrickung in selbst gemachte Illusionen würde der Mensch sich schließlich das eigene Gefängnis bauen.

Den Indianern hingegen war Besitz nie wichtig. Allein die Idee, man könne Land, also einen Teil von Mutter Erde besitzen, sei ihnen völlig fremd gewesen, ehe die Weißen kamen. In seinem Dorf, erzählt Sikyea, bezeichnen die älteren Bewohner Geldscheine als „devils paper" - Teufelspapier. Der Hintergrund: Als immer mehr der Jüngeren begannen, in der Stadt Geld zu verdienen, brach die Gemeinschaft auseinander. Plötzlich gab es Besitz, den es zu verteidigen galt, zwischen den Häusern wurden Zäune gezogen, die Menschen isolierten sich. Vorbei die Zeiten des Miteinanders, in denen sich jeder um jeden kümmerte, alles mit allen geteilt wurde.

Nichts von all den materiellen Dingen könne man mitnehmen nach dem Tod, erinnert der Indianer, und deswegen sei es wichtig sich um das Unsterbliche zu kümmern: die Seele.

Menschen, die sich der Unsterblichkeit ihrer Seele bewusst seien, könnten heiter, friedlich, gelassen leben. Tim Sikyeas Wunsch an seine Besucher

„Öffne Dein Herz, und öffne Deinen Geist - dann ist alles möglich".


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