| FREILASSING (schu) - Wie berichtet, stand
die Zukunft der Salzach zur Diskussion. Nicht nur betroffene Anrainer,
sondern auch Umweltprominenz aus Salzburg und Bayern hatten sich
im Freilassinger Rathaus eingefunden, um bei einer Podiumsdiskussion
die verschiedenen Standpunkte aus Naturschutz und Politik darzulegen.
Als Favorit bildete sich die Variante zwei mit einer Verbreiterung
des Flußbettes heraus, während einer Sanierung des Flusses
mit Hilfe von Stützkraftwerken zur Erzeugung von doch nicht
so umweltfreundlicher Energie mehrheitlich eine Absage erteilt wurde.
Gespannt warten alle am Wohle der Salzach interessierten Personen
und Vereinigungen auf die Herausgabe des Abschlußberichts
der wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung. Einen Affront sah
die FDP in der nicht erfolgten Einladung.
Die Regionalbeauftragte des Bund Naturschutz in Bayern, Christine
Margraf leitete die Veranstaltung Zunächst sprach Prof. Dr.
Robert Krisai von der Uni Salzburg als Vertreter der "Aktionsgruppe
Lebensraum Salzach". Frei fließende Flüsse seien
in Bayern selten, denn neben dem Tiroler Lech und der Pupplinger
Au an der Isar gebe es nur noch die Salzach, die von der Saalachmündung
bei Freilassing bis zu Mündung in den Inn bei Burghausen als
frei fließend betrachtet werden könne. Trotz Einengung
und Begradigung sei hier eine einzigartige Landschaft mit Auwaldgürtel
entstanden, die noch der natürlichen Überschwemmungsdynamik
ausgesetzt sei. Er plädiere für Variante zwei, die ein
unter anderem einen kontrollierten Uferrückbau und eine lokale
Aufweitung des Flußbettes innerhalb der bestehenden Deiche
vorsieht.
Gustav Starzmann aus Bad Reichenhall beschäftigt sich als
SPD-Mitglied des Bayerischen Landtages schon seit mehr als 20 Jahren
mit dem Geschick der Salzach. Die Sicherung der Flüsse durch
Kraftwerksbau wurde damals als gegenseitige Ergänzung angesehen,
habe sich aber wegen der Gefährdung der Brückenpfeiler
durch den kraftwerksbedingten schnellen Wasserfluß als nicht
erfolgreich erwiesen. Sein Ziel damals wie jetzt sei die Vermeidung
von Kraftwerken gewesen. Vorrangig für ihn sei eine Sicherung
der Sohlrampen und die Aufweitung des Flußbettes, zusätzliche
Stützkraftwerke lehne auch er weiterhin ab.
Hermann Steinmaßl von der CSU unterlegte seine einführenden
Aussagen mit Folien, die eine Gesamtschau der Salzach von der Quelle
bis zur Mündung den Zuschauern darlegte. Für ihn steht
nur der Bereich im Unterlauf von Freilassing bis Burghausen in einer
Länge von 65 km zur Diskussion, und hiervon eignen sich kaum
35 Kilometer für Aufweitungsmaßnahmen, und zwar im Freilassinger
und im Tittmoninger Becken.
Auch er betonte die Wichtigkeit des Hochwasserschutzes und die
Verhinderung des Sohleeinbruches und hinterfragte die Realisierbarkeit
des Ökologischen Leitbildes vom Urzustand des Flusses im Jahre
1817. Steinmaßl erwartet eine Umweltverträglichkeitsprüfung
(UVP) aller vorgeschlagenen Varianten und den Schlußbericht
zur wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung (WRS) mit der Gegenüberstellung
der vier Varianten ab. Kraftwerksnutzung wollte er nicht von vornherein
ausschließen.
Die vier Varianten waren von Dr. Hannes Augustin, dem Geschäftsführer
des Österreichischen Naturschutzbundes aus Salzburg vorgestellt
worden: Variantengruppe eins besteht darin, den Istzustand so belassen,
aber zusätzliche Maßnahmen zur Geschiebebewirtschaftung
zu setzen, wie etwa den angesammelten Schotter vor einem Kraftwerk
in den Bereich hinter das Kraftwerk zu verfrachten.
Die von den Naturschützern bevorzugte Variantengruppe zwei
enthält als wesentliche Maßnahme eine lokale Flußbettaufweitung
mit kontrollierten Uferrückbau innerhalb der bestehenden Deich
oder sogar eine Deichrückverlegung. Durch die Gerinneaufweitung,
Verbreiterung des Flußbettes mit anschließenden erweiterten
Augebieten und langsameres Fließen gewinnt der Fluß
seine Eigendynamik wieder, bildet neue Schotterbänke, die Sohle
werde stabilisiert und durch die Ausdehnungsmöglichkeit in
die angrenzenden Auen werde die Hochwassergefahr gebändigt.
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Variante drei schlägt vor, mit sohlestützenden Querbauten
und Sohlstufen und eventuellen Ableitungen des Hochwassers in die
Auen dem Sohle- und Hochwasserproblem Herr zu werden. Eine Kombination
von Querbauten und Verbreiterung des Flußbettes ist als Untervariante
vorgesehen. Variante vier will das Problem mit sogenannten Stützkraftstufen
und Ausleitung in die Aue lösen, entweder nur auf Teilstrecken
oder auch im Staffelausbau auf der gesamten Untersuchungsstrecke.
Laut Dr. Augustin wird dabei der Charakter des Alpenflusses am stärksten
beeinträchtigt. Fischwanderungen und Kanufahrten sind dann
nicht mehr möglich.
Dr. Wolfgang Wiener als Landesumweltanwalt Vertreter der Salzburger
Landesregierung meinte, daß die Salzach schon gebändigt,
aber dabei nicht eingeengt werden dürfe. Es ergebe sich hier
die einmalige Chance, einen gradlinig verbauten Fluß zu renaturisieren
und ihm seine freie Fließstrecke wieder zu geben.
Der Landesbeauftragte des Bund Naturschutz in Bayern, Prof. Dr.
Hubert Weiger verlangte, daß eine politische Entscheidung
für einen frei fließenden Fluß getroffen werden
müsse. Die Forderung nach Wasserkraftwerken werde mit Fluß-
und Hochwasserschutz argumentiert, und nicht mit Energie aus Wasserkraft
bei einem aktuellen Strom Überangebot. Stützkraftwerke
und freier Fluß schließen sich gegenseitig aus, der
dadurch gewonnene Strom sei leicht durch Stromsparmaßnahmen
zu ersetzen.
Nach der Vorstellungsrunde hatten sich einige Wortmeldungen angesammelt.
Reinhard Falter warnte vor einer zu großen Wissenschaftsgläubigkeit
und bestritt die Umweltfreundlichkeit der Wasserkraftwerke, die
professionelle Flußzerstörer seien.
Georgia Buchmeier aus Freilassing regte an, darauf zu achten,
woher das Regenwasser komme und für Auffangflächen wie
Sümpfe zu sorgen, damit nicht soviel Regenwasser in die Flüsse
laufe. Dr. Josef Heringer von der ANL in Laufen meinte, daß
die meisten Leute sich unter einem Sohleeinbruch eine Herausquellen
des Salzachwassers an den Antipoden bei Neuseeland vorstellten,
während er diese Gefahr nur im Bereich von Brückenpfeilern
sehe, wenn plötzlich das Fundament unterspült würde.
Ein Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamtes wies dies als "Verharmlosung"
zurück und meinte, bei einem Sohleinbruch vertiefe sich der
Fluß schlagartig und komme irgendwo in der Landschaft unkontrolliert
wieder hervor.
Der Salzburger Landesumweltanwalt Dr. Wiener verwies darauf, daß
Katastrophen vorgezeichnet seien, wenn falsche Lebensräume
wie Flußauen besiedelt würden. Im Übrigen seien
an der Salzach auf Österreichischem Gebiet drei Laufkraftwerke
und zwei Speicherkraftwerke bereits genehmigt, werden aber nicht
gebaut, da sie sich als nicht wirtschaftlich erwiesen hätten.
Somit wäre die Variante der Stützkraftwerke am Unterlauf
praktisch vom Tisch.
Politische Entscheidung nötig
Bürgermeister Stadler aus Fridolfing beschwerte sich, daß
nun seit 25 Jahren über die Salzach diskutiert werde und nicht
passiere. Er wolle nicht bis zu einem Sohleeinbruch oder bis zum
nächsten Hochwasser warten. Seine Bürger verlangten Entscheidungen
und konkrete Informationen.
In der Schlußrunde wies die Moderatorin Christine Margraf
darauf hin, daß es klar geworden sei, daß politische
Entscheidungen zu treffen seien. Dann nahm sie Stellung zu einem
Schreiben der FDP, die sich beschwerte, daß sie zuerst eingeladen
und dann wieder ausgeladen worden sei, gezeichnet vom Landesvorsitzenden
Hermann Stützer.
Margraf betonte man habe die Podiumsrunde klein halten wollen
und nur Vertreter der beiden großen Parteien geladen, damit
auch die Zuhörer zu Wort kommen könnten. Es handle sich
nicht um politische Ausgrenzung. -schu- |