Freilassinger Anzeiger vom 8. Juli 1999
Vier Varianten zur Zukunft der Salzach
Naturschützer plädieren für mehr "Freiheit"

FREILASSING (schu) - Wie berichtet, stand die Zukunft der Salzach zur Diskussion. Nicht nur betroffene Anrainer, sondern auch Umweltprominenz aus Salzburg und Bayern hatten sich im Freilassinger Rathaus eingefunden, um bei einer Podiumsdiskussion die verschiedenen Standpunkte aus Naturschutz und Politik darzulegen. Als Favorit bildete sich die Variante zwei mit einer Verbreiterung des Flußbettes heraus, während einer Sanierung des Flusses mit Hilfe von Stützkraftwerken zur Erzeugung von doch nicht so umweltfreundlicher Energie mehrheitlich eine Absage erteilt wurde. Gespannt warten alle am Wohle der Salzach interessierten Personen und Vereinigungen auf die Herausgabe des Abschlußberichts der wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung. Einen Affront sah die FDP in der nicht erfolgten Einladung.

Die Regionalbeauftragte des Bund Naturschutz in Bayern, Christine Margraf leitete die Veranstaltung Zunächst sprach Prof. Dr. Robert Krisai von der Uni Salzburg als Vertreter der "Aktionsgruppe Lebensraum Salzach". Frei fließende Flüsse seien in Bayern selten, denn neben dem Tiroler Lech und der Pupplinger Au an der Isar gebe es nur noch die Salzach, die von der Saalachmündung bei Freilassing bis zu Mündung in den Inn bei Burghausen als frei fließend betrachtet werden könne. Trotz Einengung und Begradigung sei hier eine einzigartige Landschaft mit Auwaldgürtel entstanden, die noch der natürlichen Überschwemmungsdynamik ausgesetzt sei. Er plädiere für Variante zwei, die ein unter anderem einen kontrollierten Uferrückbau und eine lokale Aufweitung des Flußbettes innerhalb der bestehenden Deiche vorsieht.

Gustav Starzmann aus Bad Reichenhall beschäftigt sich als SPD-Mitglied des Bayerischen Landtages schon seit mehr als 20 Jahren mit dem Geschick der Salzach. Die Sicherung der Flüsse durch Kraftwerksbau wurde damals als gegenseitige Ergänzung angesehen, habe sich aber wegen der Gefährdung der Brückenpfeiler durch den kraftwerksbedingten schnellen Wasserfluß als nicht erfolgreich erwiesen. Sein Ziel damals wie jetzt sei die Vermeidung von Kraftwerken gewesen. Vorrangig für ihn sei eine Sicherung der Sohlrampen und die Aufweitung des Flußbettes, zusätzliche Stützkraftwerke lehne auch er weiterhin ab.

Hermann Steinmaßl von der CSU unterlegte seine einführenden Aussagen mit Folien, die eine Gesamtschau der Salzach von der Quelle bis zur Mündung den Zuschauern darlegte. Für ihn steht nur der Bereich im Unterlauf von Freilassing bis Burghausen in einer Länge von 65 km zur Diskussion, und hiervon eignen sich kaum 35 Kilometer für Aufweitungsmaßnahmen, und zwar im Freilassinger und im Tittmoninger Becken.

Auch er betonte die Wichtigkeit des Hochwasserschutzes und die Verhinderung des Sohleeinbruches und hinterfragte die Realisierbarkeit des Ökologischen Leitbildes vom Urzustand des Flusses im Jahre 1817. Steinmaßl erwartet eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) aller vorgeschlagenen Varianten und den Schlußbericht zur wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung (WRS) mit der Gegenüberstellung der vier Varianten ab. Kraftwerksnutzung wollte er nicht von vornherein ausschließen.

Die vier Varianten waren von Dr. Hannes Augustin, dem Geschäftsführer des Österreichischen Naturschutzbundes aus Salzburg vorgestellt worden: Variantengruppe eins besteht darin, den Istzustand so belassen, aber zusätzliche Maßnahmen zur Geschiebebewirtschaftung zu setzen, wie etwa den angesammelten Schotter vor einem Kraftwerk in den Bereich hinter das Kraftwerk zu verfrachten.

Die von den Naturschützern bevorzugte Variantengruppe zwei enthält als wesentliche Maßnahme eine lokale Flußbettaufweitung mit kontrollierten Uferrückbau innerhalb der bestehenden Deich oder sogar eine Deichrückverlegung. Durch die Gerinneaufweitung, Verbreiterung des Flußbettes mit anschließenden erweiterten Augebieten und langsameres Fließen gewinnt der Fluß seine Eigendynamik wieder, bildet neue Schotterbänke, die Sohle werde stabilisiert und durch die Ausdehnungsmöglichkeit in die angrenzenden Auen werde die Hochwassergefahr gebändigt.

Variante drei schlägt vor, mit sohlestützenden Querbauten und Sohlstufen und eventuellen Ableitungen des Hochwassers in die Auen dem Sohle- und Hochwasserproblem Herr zu werden. Eine Kombination von Querbauten und Verbreiterung des Flußbettes ist als Untervariante vorgesehen. Variante vier will das Problem mit sogenannten Stützkraftstufen und Ausleitung in die Aue lösen, entweder nur auf Teilstrecken oder auch im Staffelausbau auf der gesamten Untersuchungsstrecke. Laut Dr. Augustin wird dabei der Charakter des Alpenflusses am stärksten beeinträchtigt. Fischwanderungen und Kanufahrten sind dann nicht mehr möglich.

Dr. Wolfgang Wiener als Landesumweltanwalt Vertreter der Salzburger Landesregierung meinte, daß die Salzach schon gebändigt, aber dabei nicht eingeengt werden dürfe. Es ergebe sich hier die einmalige Chance, einen gradlinig verbauten Fluß zu renaturisieren und ihm seine freie Fließstrecke wieder zu geben.

Der Landesbeauftragte des Bund Naturschutz in Bayern, Prof. Dr. Hubert Weiger verlangte, daß eine politische Entscheidung für einen frei fließenden Fluß getroffen werden müsse. Die Forderung nach Wasserkraftwerken werde mit Fluß- und Hochwasserschutz argumentiert, und nicht mit Energie aus Wasserkraft bei einem aktuellen Strom Überangebot. Stützkraftwerke und freier Fluß schließen sich gegenseitig aus, der dadurch gewonnene Strom sei leicht durch Stromsparmaßnahmen zu ersetzen.

Nach der Vorstellungsrunde hatten sich einige Wortmeldungen angesammelt. Reinhard Falter warnte vor einer zu großen Wissenschaftsgläubigkeit und bestritt die Umweltfreundlichkeit der Wasserkraftwerke, die professionelle Flußzerstörer seien.

Georgia Buchmeier aus Freilassing regte an, darauf zu achten, woher das Regenwasser komme und für Auffangflächen wie Sümpfe zu sorgen, damit nicht soviel Regenwasser in die Flüsse laufe. Dr. Josef Heringer von der ANL in Laufen meinte, daß die meisten Leute sich unter einem Sohleeinbruch eine Herausquellen des Salzachwassers an den Antipoden bei Neuseeland vorstellten, während er diese Gefahr nur im Bereich von Brückenpfeilern sehe, wenn plötzlich das Fundament unterspült würde. Ein Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamtes wies dies als "Verharmlosung" zurück und meinte, bei einem Sohleinbruch vertiefe sich der Fluß schlagartig und komme irgendwo in der Landschaft unkontrolliert wieder hervor.

Der Salzburger Landesumweltanwalt Dr. Wiener verwies darauf, daß Katastrophen vorgezeichnet seien, wenn falsche Lebensräume wie Flußauen besiedelt würden. Im Übrigen seien an der Salzach auf Österreichischem Gebiet drei Laufkraftwerke und zwei Speicherkraftwerke bereits genehmigt, werden aber nicht gebaut, da sie sich als nicht wirtschaftlich erwiesen hätten. Somit wäre die Variante der Stützkraftwerke am Unterlauf praktisch vom Tisch.

Politische Entscheidung nötig

Bürgermeister Stadler aus Fridolfing beschwerte sich, daß nun seit 25 Jahren über die Salzach diskutiert werde und nicht passiere. Er wolle nicht bis zu einem Sohleeinbruch oder bis zum nächsten Hochwasser warten. Seine Bürger verlangten Entscheidungen und konkrete Informationen.

In der Schlußrunde wies die Moderatorin Christine Margraf darauf hin, daß es klar geworden sei, daß politische Entscheidungen zu treffen seien. Dann nahm sie Stellung zu einem Schreiben der FDP, die sich beschwerte, daß sie zuerst eingeladen und dann wieder ausgeladen worden sei, gezeichnet vom Landesvorsitzenden Hermann Stützer.

Margraf betonte man habe die Podiumsrunde klein halten wollen und nur Vertreter der beiden großen Parteien geladen, damit auch die Zuhörer zu Wort kommen könnten. Es handle sich nicht um politische Ausgrenzung. -schu-

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