Freilassinger Anzeiger vom Montag, 5. Juli 1999
Tropischer Urwald in den Salzachauen ?
Umweltprominenz traf sich zum Bildungsseminar des Bund Naturschutz in Freilassing

FREILASSING(schu) In Freilassing trafen sich am Wochenende Naturschützer aus Bayern, Salzburg, Tirol und sogar aus der Schweiz, um darüber zu diskutieren, wie man die Visionen eines wilden, frei fließenden Flusses auf den gemeinsamen Grenzfluß Salzach anwenden könne. Untermalt und angeregt wurde die visionäre Stimmung mit Fotos aus intakten Auenlandschaften und kritische Rückblicke in die historische Beziehung von Mensch und Fluß.

Professor Dr. Eberhard Stüber, bekannt als Direktor des Salzburger Hauses der Natur, als Präsident des österreichischen Naturschutzbundes und als ehemaliger Landesumweltanwalt, führte zur Einstimmung in das Thema Dias von intakten Flußauen mit Eisvögeln und eingewanderten Bibern vor. Seine Dias entwickelten bei den Zuschauern den Eindruck - und das war wohl die Absicht -, daß auch in Mitteleuropa ein Urwald möglich sei. Dieser könne am besten in der Auenlandschaft entlang eines Flusses durch ein Nichteingreifen des Menschen in die natürlichen Abläufe des Werdens und Vergehens entstehen.

Man konnte kaum glauben, daß diese tropisch anmutenden Urwälder sich am Rande bayerische Flüsse entlang ziehen. Die Lacher hatte der Salzburger auf seiner Seite, als er Dias eines "Holzfällers" namens Biber zeigte, der reihenweise Auwaldbäume fachmännisch umlegte und auch vor einem Hochsitz am Baum keinen besonderen Respekt zeigte und diesen Baum gefährlich angenagt hatte. Ein naturnaher Fluß, so das Credo von Eberhard Stüber, gebe einen reichen Lebensraum für Amphibien und sei eine Quelle vielfältigen Lebens, dem begradigten Fluß müsse seine Eigendynamik wieder gegeben werden.

Dr. Hannes Augustin als Geschäftsführer des Österreichischen Naturschutzbundes führte in die technischen und rechtlichen Aspekte der Renaturisierung der Salzach ein. Sein Ausgangspunkt sei der Schaden, der der Salzach angetan wurde und der nun von der Salzach ausgehe.

Drei gleichberechtigte Ziele

In der öffentlichen Diskussion um den Grenzfluß seien folgende drei Ziele als gleichberechtigt anzusehen: Erstens eine ökologische Annäherung an den ursprünglichen Zustand, wie er noch bis 1820 mit einem breiten Flußbett und viel Schotterfläche bestanden habe, zweitens eine Stabilisierung der Salzachsohle gegen einen Sohleeinbruch, und drittens Maßnahmen zur Hochwassersicherheit. Das Ergebnis einer wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung von bayerischen und österreichischen Experten münde in vier Varianten, die demnächst fertiggestellt seien und in einer Kurzfassung dem Publikum vorgestellt werden.

Die Schotterproblematik als zentraler Punkt beherrschte die anschließende Diskussion. Durch Staustufen werde dieser Schotter bereits am Oberlauf der Salzach zurückgehalten, dieser fehlende Schotter und die hohe Fließgeschwindigkeit am Unterlauf - Raum Freilassing bis zur Mündung in den Inn bei Burghausen - verursache eine Flußvertiefung und laufe Gefahr, zum Sohleeinbruch zu führen oder Brückenpfeiler zu untergraben. So sei beim Hochwasser 1959 ein Pfeiler der Salzburger Autobahnbrücke über die Salzach eingestürzt.

Auf die Geschichte der "Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach" (ALS) ging der langjährige Vorsitzendes des Kreisverbandes Bund Naturschutz des Berchtesgadener Landes, Erich Prechtl ein. Durch den 1909 abgeschlossenen Prozeß der Kraftwerks-verbauung sei das früher in seinem Flußbett breit und flach dahin fließende Alpengewässer jetzt auf nur noch 100 Meter verengt worden. Nach dem Kriege seine weitere sieben Kraftwerke am Unterlauf geplant worden, jedoch durch Aktionsgemeinschaften wie "Schützt die Salzach gegen Kraftwerke" und den Einspruch der damaligen bayerischen Minister-präsidenten Goppel schließlich verhindert worden.

Kampf gegen die "braune Brühe"

Jedoch war danach die Salzach mit ihrer braunen Brühe, verursacht auch durch das Halleiner Papierwerk, immer noch Bayerns dreckigster Fluß. Nun schlossen sich die an einer sauberen Salzach interessierten Verbände 1987 zur ALS zusammen und erstellten ein Programm, um auf die Frage zu antworten, "Wenn Ihr nun keine Kraftwerke haben wollt, was wollt Ihr dann ?"

Der erfahrene Naturschützer gab den Erfolgstip weiter, erst die amtlichen Stellen zu informieren, bevor man mit einem Programm an die Öffentlichkeit gehe. Man brauche viel Geduld, um Naturschutzprojekte durchzuziehen und müsse Kontinuität wahren, um von den Behörden als stabiler Gesprächspartner angesehen zu werden.

"Unsere frühere Einstellung des "Gegen" haben wir in unserem Verantwortungsbereich in ein "Für" umgewandelt, um mehr Unterstützer "für Naturschutz-themen" zu gewinnen", so Prechtl.

Sein Österreichischer Berufszwilling Hannes Augustin bezeichnete ein Kraftwerk am Fluß als einen massiven Störfall und schwerwiegenden Eingriff in den Flußlauf. Der Bau weiterer Kraftwerke sei abzulehnen, da sie den ökologisch wertvollen Flußbereich mit der Aufstauung zerstörten und auch wegen des überreichen Stromangebotes aus ökonomischen Aspekten nicht mehr interessant erschienen.

Den Fließgewässerschutz aus einer ganz anderen Sicht darzustellen, gelang dem Sprecher einer Isar Bürgerinitiative und Historiker Reinhard Falter, der in seinem Diavortrag "Von Wildnis, Flußgöttern und Flußräten" eine anthropologische Betrachtung der Bedeutung von Flüssen versuchte. Der ganz frei fließende Bach habe heute Museumswert, wie er mit einem Gemäldes des "Kesselbaches" von Kandinsky darlegte.

Schockiert waren die Besucher des Bildungsseminars über das anschließende Foto des heutigen Zustandes des "Kesselbaches". Eingezwängt in eine große geschlossene Röhre und über Betonblöcke verankert, werde er sicher keine Überschwemmung verursachen, jedoch wachsen an seinem Ufer keine Blumen mehr, er sei biologisch tot und zur reinen Wasserleitung verkommen.

Flußgebietsräte schaffen

Alle am Überleben eines Flusses interessierten Personen und Verbände, wie die Kanufahrer, Vogelschützer, Fischer und Naturschützer sollen sich in sogenannten "Flußgebietsräten" zusammenschließen, um die originären Interessen des Flusses als Anwalt zu entdecken und durchzusetzen. Professionelle Flußzerstörer gehörten seiner Meinung nach nicht zu dieser Allianz.

Der Begriff "wilder Fluß" verursache Akzeptanzprobleme bei öffentlichen Diskussionen, da die Wildnis uns aus Urzeiten als bedrohlich und unkontrollierbar in den Knochen stecke. Den daraus sich ergebenen Konflikt in der Neuzeit aus Lust am Bauen, um die Wildnis kontrollieren zu können und dem Wunsch, die Natur zu erhalten, müsse voll ausgetragen werden, um zum Schluß zu einem tragfähigen Kompromiß für alle zu kommen.

Diesen ersten Beiträgen zum Bildungsseminar tagsüber folgte abends eine rege Podiums- diskussion mit Politikern und Naturschützern. Darüber berichten wir in einer unserer nächsten Ausgaben. -schu-

 

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