| FREILASSING(schu) In
Freilassing trafen sich am Wochenende Naturschützer aus Bayern,
Salzburg, Tirol und sogar aus der Schweiz, um darüber zu diskutieren,
wie man die Visionen eines wilden, frei fließenden Flusses
auf den gemeinsamen Grenzfluß Salzach anwenden könne.
Untermalt und angeregt wurde die visionäre Stimmung mit Fotos
aus intakten Auenlandschaften und kritische Rückblicke in die
historische Beziehung von Mensch und Fluß.
Professor Dr. Eberhard Stüber, bekannt als
Direktor des Salzburger Hauses der Natur, als Präsident des
österreichischen Naturschutzbundes und als ehemaliger Landesumweltanwalt,
führte zur Einstimmung in das Thema Dias von intakten Flußauen
mit Eisvögeln und eingewanderten Bibern vor. Seine Dias entwickelten
bei den Zuschauern den Eindruck - und das war wohl die Absicht -,
daß auch in Mitteleuropa ein Urwald möglich sei. Dieser
könne am besten in der Auenlandschaft entlang eines Flusses
durch ein Nichteingreifen des Menschen in die natürlichen Abläufe
des Werdens und Vergehens entstehen.
Man konnte kaum glauben, daß diese tropisch anmutenden Urwälder
sich am Rande bayerische Flüsse entlang ziehen. Die Lacher
hatte der Salzburger auf seiner Seite, als er Dias eines "Holzfällers"
namens Biber zeigte, der reihenweise Auwaldbäume fachmännisch
umlegte und auch vor einem Hochsitz am Baum keinen besonderen Respekt
zeigte und diesen Baum gefährlich angenagt hatte. Ein naturnaher
Fluß, so das Credo von Eberhard Stüber, gebe einen reichen
Lebensraum für Amphibien und sei eine Quelle vielfältigen
Lebens, dem begradigten Fluß müsse seine Eigendynamik
wieder gegeben werden.
Dr. Hannes Augustin als Geschäftsführer des Österreichischen
Naturschutzbundes führte in die technischen und rechtlichen
Aspekte der Renaturisierung der Salzach ein. Sein Ausgangspunkt
sei der Schaden, der der Salzach angetan wurde und der nun von der
Salzach ausgehe.
Drei gleichberechtigte Ziele
In der öffentlichen Diskussion um den Grenzfluß seien
folgende drei Ziele als gleichberechtigt anzusehen: Erstens eine
ökologische Annäherung an den ursprünglichen Zustand,
wie er noch bis 1820 mit einem breiten Flußbett und viel Schotterfläche
bestanden habe, zweitens eine Stabilisierung der Salzachsohle gegen
einen Sohleeinbruch, und drittens Maßnahmen zur Hochwassersicherheit.
Das Ergebnis einer wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung von
bayerischen und österreichischen Experten münde in vier
Varianten, die demnächst fertiggestellt seien und in einer
Kurzfassung dem Publikum vorgestellt werden.
Die Schotterproblematik als zentraler Punkt beherrschte die anschließende
Diskussion. Durch Staustufen werde dieser Schotter bereits am Oberlauf
der Salzach zurückgehalten, dieser fehlende Schotter und die
hohe Fließgeschwindigkeit am Unterlauf - Raum Freilassing
bis zur Mündung in den Inn bei Burghausen - verursache eine
Flußvertiefung und laufe Gefahr, zum Sohleeinbruch zu führen
oder Brückenpfeiler zu untergraben. So sei beim Hochwasser
1959 ein Pfeiler der Salzburger Autobahnbrücke über die
Salzach eingestürzt.
Auf die Geschichte der "Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach"
(ALS) ging der langjährige Vorsitzendes des Kreisverbandes
Bund Naturschutz des Berchtesgadener Landes, Erich Prechtl ein.
Durch den 1909 abgeschlossenen Prozeß der Kraftwerks-verbauung
sei das früher in seinem Flußbett breit und flach dahin
fließende Alpengewässer jetzt auf nur noch 100 Meter
verengt worden. Nach dem Kriege seine weitere sieben Kraftwerke
am Unterlauf geplant worden, jedoch durch Aktionsgemeinschaften
wie "Schützt die Salzach gegen Kraftwerke" und den
Einspruch der damaligen bayerischen Minister-präsidenten Goppel
schließlich verhindert worden. |
Kampf gegen die "braune Brühe"
Jedoch war danach die Salzach mit ihrer braunen Brühe, verursacht
auch durch das Halleiner Papierwerk, immer noch Bayerns dreckigster
Fluß. Nun schlossen sich die an einer sauberen Salzach interessierten
Verbände 1987 zur ALS zusammen und erstellten ein Programm,
um auf die Frage zu antworten, "Wenn Ihr nun keine Kraftwerke
haben wollt, was wollt Ihr dann ?"
Der erfahrene Naturschützer gab den Erfolgstip weiter, erst
die amtlichen Stellen zu informieren, bevor man mit einem Programm
an die Öffentlichkeit gehe. Man brauche viel Geduld, um Naturschutzprojekte
durchzuziehen und müsse Kontinuität wahren, um von den
Behörden als stabiler Gesprächspartner angesehen zu werden.
"Unsere frühere Einstellung des "Gegen" haben
wir in unserem Verantwortungsbereich in ein "Für"
umgewandelt, um mehr Unterstützer "für Naturschutz-themen"
zu gewinnen", so Prechtl.
Sein Österreichischer Berufszwilling Hannes Augustin bezeichnete
ein Kraftwerk am Fluß als einen massiven Störfall und
schwerwiegenden Eingriff in den Flußlauf. Der Bau weiterer
Kraftwerke sei abzulehnen, da sie den ökologisch wertvollen
Flußbereich mit der Aufstauung zerstörten und auch wegen
des überreichen Stromangebotes aus ökonomischen Aspekten
nicht mehr interessant erschienen.
Den Fließgewässerschutz aus einer ganz anderen Sicht
darzustellen, gelang dem Sprecher einer Isar Bürgerinitiative
und Historiker Reinhard Falter, der in seinem Diavortrag "Von
Wildnis, Flußgöttern und Flußräten" eine
anthropologische Betrachtung der Bedeutung von Flüssen versuchte.
Der ganz frei fließende Bach habe heute Museumswert, wie er
mit einem Gemäldes des "Kesselbaches" von Kandinsky
darlegte.
Schockiert waren die Besucher des Bildungsseminars über das
anschließende Foto des heutigen Zustandes des "Kesselbaches".
Eingezwängt in eine große geschlossene Röhre und
über Betonblöcke verankert, werde er sicher keine Überschwemmung
verursachen, jedoch wachsen an seinem Ufer keine Blumen mehr, er
sei biologisch tot und zur reinen Wasserleitung verkommen.
Flußgebietsräte schaffen
Alle am Überleben eines Flusses interessierten Personen und
Verbände, wie die Kanufahrer, Vogelschützer, Fischer und
Naturschützer sollen sich in sogenannten "Flußgebietsräten"
zusammenschließen, um die originären Interessen des Flusses
als Anwalt zu entdecken und durchzusetzen. Professionelle Flußzerstörer
gehörten seiner Meinung nach nicht zu dieser Allianz.
Der Begriff "wilder Fluß" verursache Akzeptanzprobleme
bei öffentlichen Diskussionen, da die Wildnis uns aus Urzeiten
als bedrohlich und unkontrollierbar in den Knochen stecke. Den daraus
sich ergebenen Konflikt in der Neuzeit aus Lust am Bauen, um die
Wildnis kontrollieren zu können und dem Wunsch, die Natur zu
erhalten, müsse voll ausgetragen werden, um zum Schluß
zu einem tragfähigen Kompromiß für alle zu kommen.
Diesen ersten Beiträgen zum Bildungsseminar tagsüber
folgte abends eine rege Podiums- diskussion mit Politikern und Naturschützern.
Darüber berichten wir in einer unserer nächsten Ausgaben.
-schu-
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