Freilassinger Anzeiger vom 3. April 1999
Bund Naturschutz prangert Werte-Verfall an: Bewahrung der Schöpfung Vorrang einräumen
Bei der Hauptversammlung wurde Erich Prechtl als Kreisvorsitzender wiedergewählt.

FREILASSING (schu). In der letzten Jahreshaupt-versammlung in diesem Jahrtausend wurde fast der gesamte Vorstand mit dem langjährige Kreisvorsitzende Erich Prechtl an der Spitze wieder gewählt. Dieser will nun aufgrund der erfolgreichen Mitgliederwerbung im vergangen Jahr auf gesicherter finanzieller Basis die neuen Herausforderungen mit viel Elan angehen.

In seinem Jahresbericht prangerte Prechtl den Verfall der Werte in dieser Gesellschaft an, in der Geld, Wohlstand und Freizeit immer mehr in den Vordergrund rücken würden und die langfristigen Anliegen der Bewahrung der Schöpfung und der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen immer weniger Beachtung fänden. Zuversichtlich stimmte der Aufbau einer BN Kindergruppe in Freilassing, denn eine solide Umwelterziehung müsse bei den Kleinsten anfangen.

Im angenehmen und mit viel Holz ausgestatteten Saal des Diakonie Hauses der evangelischen Kirche in Freilassing begrüßte Erich Prechtl Kommunalpolitiker, den Vertreter des Österreichischen Naturschutzbundes aus Salzburg, Dr. Hannes Augustin und den Vertreter des Deutschen Alpenvereins Albert Bauer. Bevor der langjährige Kreisvorsitzende Erich Prechtl auf die Aktivitäten des vergangenen Jahre einging, kritisierte er den zunehmenden Trend der materiellen Orientierung in der Gesellschaft, der sich in steigendem Werteverfall äußere. Dem Anhäufen von Wohlstand und Genuß in der Freizeit werde in der öffentlichen Darstellung, in Werbung und in TV einen immer höheren Stellenwert beigemessen, während den längerfristigen Aufgaben wie die Sicherung der Lebensfähigkeit der Erde und Erhaltung der natürlichen Ressourcen auch in entfernteren Ländern immer weniger Raum für Aufmerksamkeit gegeben werde.

In der aktuellen Situation der geschürten Zukunftsängste falle es dem Naturschutz schwer, seiner Stimme Geltung zu verschaffen. Den drohenden Verlust oder Absiedelung von Arbeitsplätzen versuche manche Gemeinde durch vermehrte Ausweisung von neuen Gewerbegebieten entgegenzutreten. Der Erfolg sei öfters gering, wie manche einsamen Gewerbegebiete zeigen, der Landschaftsverbrauch jedoch groß und von Dauer.

Zukunftsträchtige Euregio

Dagegen gehöre der Raum der Euregio Salzburg, Berchtesgadener Land und Traunstein zu den vier zukunftsträchtigsten Regionen Europas. Mit den Pfunden der "weichen Standortfaktoren", wie Kultur, Ausbildung, Naherholung, weitgehend erhaltene Natur, und keine Schwerindustrie solle man wuchern. "Sanfte Industrien" seien an Land zu ziehen und bestehende Gewerbegebiete besser zu nutzen oder aufgelassene Gewerbebereiche wieder zu aktivieren. Einmal beschlossene Flächennutzungspläne sollten längerfristig gelten und nicht nach aktuellen Bedürfnissen der Gemeinden auf die Schnelle abgeändert werden können. Zudem gehöre ein gemeinsamer Plan für die gesamte Euregio mit einem Freiraumkonzept erstellt, um dem Wildwuchs eine Ende zu bereiten.

Renaturierung der Salzach

Den Bogen zu den Aktivitäten des vergangen Jahres fand der engagierte Naturschützer in dem Dauerthema "Renaturierung der Salzach", das durch Geschiebeprobleme und die Gefahr des Sohleeinbruches, verursacht durch eine künstliche Flußbettverengung, gekennzeichnet sei. Der Endbericht zum Rahmengutachten sei bald zu erwarten. Der BN propagiere die schon 1986 dem Umweltministerium vorgeschlagene Variante der Flußbettaufweitung, die gleichzeitig die Flußsohle stabilisiere und das Geschiebeproblem verringere.

Der Redner monierte im gleichen Atemzug, daß die Saalach als Zufluß zur Salzach rund 300 Tage im Jahr trocken liege. Eine solche "Flußleiche" sei ökologisch nicht tragbar und zugleich ein unschöner Anblick und dem Tourismus Anliegen abträglich. Trotz Nutzung des Hauptwassers in einem Kraftwerk könne durch eine geschickte Nutzung des Restwassers der Fluß auf Dauer wiederbelebt und Fauna und Flora die Lebensgrundlage zurückgegeben werden.

Neue Mitglieder

Die erfolgreiche Mitgliederwerbung im vergangenen Sommer (wir berichteten) habe den Mitgliederstand von etwa 600 auf über 1400 mehr als verdoppelt. Damit stehe der Bund Naturschutz in Bayern auf einer soliden finanziellen Basis und sei neben Greenpeace der einzige Umweltverband, der nicht auf staatliche Mittel angewiesen sei und auch kein Sponsoring seitens der Wirtschaft betreibe. Dadurch sei der Verband in seiner Meinungsäußerung frei und unabhängig und könne als echter Anwalt der Natur auf die Öffentlichkeit und die Regierungsebenen einwirken.

Agenda 21

Das im Jahre 1992 in Rio de Janeiro beschlossene Maßnahmenpaket zur nachhaltigen, d.h. auf Dauer ausgerichteten Entwicklung der Erde unter Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Belangen sei nun auch in den bayerischen Kommunen angelangt. Überall im Landkreis hätten sich nun Agenda 21 Arbeitskreise gebildet oder seien im Entstehen begriffen, an denen sich Mitglieder des BN rege beteiligten. Als konkrete Projekte seien bereits ein Heckenpflanzprojekt in Bad Reichenhall und die Selbstvermarktung der bäuerlichen Betriebe in die Tat umgesetzt bzw. ausgebaut worden.

Lobend hob Erich Prechtl die aktive Mitarbeit seines Vorstandskollegen Wolfgang Fieweger beim Projekt Chiemgau Solar hervor, die in Kooperation mit der Sparkasse und örtlichen Handwerksbetrieben günstige Sonnenkollektoren und Photovoltaik Anlagen für Häuslbauer installierten. Es sei eine seiner Visionen, so Prechtl, wenn die Solaranlage auf dem Haus das Vehikel eines bekannten Autoherstellers vor dem Haus als Statussymbol ablösen würde.

Solarkocher und Solarlampen für Afrika

Zur Auflockerung des Abends zeigt Siegfried Popp von der Berufsschule anschauliche Dias über seine Besuche in Tansania, wo er mit Schülern seiner Klasse bis jetzt vier Werkstätten zum Selbstbau von Solarkochern ausgestattet und eingerichtet habe. (Der Solarkocher ist ein parabolischer Spiegel, der das Sonnenlicht, das in Afrika bekanntlich reichlich vorhanden ist, in der Mitte auf einen Kochtopf fokussiert, so daß die Nahrung oder das Wasser darin bald zu kochen beginnen. Mit dieser einfachen, aber effektiven Technik brauchen die afrikanischen Hausfrauen nicht weite Fußmärsche zurücklegen und stundenlang das nötige Feuerholz einsammeln. Zugleich wird damit die heimische Vegetation, wie Büsche und Bäume geschont und der Versteppung und Wüstenbildung entgegen gearbeitet.)

Eine während der Veranstaltung durchgeführte Sammlung ergab eine Spende von 350 Mark, die "Mr. Solar" dankend zur Finanzierung seiner vielfältigen Materialbeschaffungs-maßnahmen entgegennahm. Als nächstes Produkt stellte Siegfried Popp eine Solarlampe namens "Solux" vor, die tagsüber in der Sonne aufgeladen werde und dann bis zu acht Stunden die afrikanische Hütte erhelle und gleichzeitig ein kleines Radio betreiben könne. Auch hierdurch werden natürliche Ressourcen geschont und die Lebensqualität der Afrikaner erhöht.

Neuwahl

Unter der Leitung von Hubert Weiger ging die anschließende Wahl des neuen und dann einstimmig gewählten Vorstandes (siehe Foto) schnell über die Bühne, so daß sich die Mitglieder am einladend zubereiteten Jausentisch des Freilassinger Bauerladens stärken konnten. Wiedergewählt wurden Kreisvorsitzender Erich Prechtl und sein Stellvertreter Wolfgang Fieweger, das Amt des Schriftführers bekleidet Dr. Walter Joswig und Schatzmeisterin ist Heidi Jersch.
Prechtl dankte der ausscheidenden Schriftführerin Helga Kerwagen für ihre hervorragende Arbeit bei der Mitgliederzeitschrift "Bundsprecht" und seiner Stellvertreterin Inke Kraus, die sich nun verstärkt im der neu gegründeten Ortsgruppe Laufen einbringen wolle. -schu-

 

Bildtext:
Der neue Vorstand des BN im Berchtesgadener Land: (von links nach rechts) Schatzmeisterin Heidi Jersch, Delegierten Stellvertreterin Edeltraud Nachbar-Fieweger,(Delegierter Bruno Rettelbach nicht im Bild) der neue Beisitzer Diplombiologe Thomas Rettelbach, der sich im Vorstand für Umweltbildung und angewandten Naturschutz einsetzen möchte, langjähriger Kreisvorsitzender Erich Prechtl, der neue Schriftführer Walter Joswig, Inke Kraus, ehemalige Stellvertreterin, der zweite Vorsitzende Wolfgang Fieweger, neuer Beisitzer Siegfried Kurz, Wahlleiter und Gastredner des Abends Prof. Hubert Weiger.Im Vordergrund ist das Logo des Bauernladens zu sehen, dessen Mitarbeiterinnen für die Verköstigung der Mitglieder mit Produkten aus der Region an diesem Abend sorgten. Foto: H. Schubotz
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