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Beitrag des Solarenergie-Fördervereins Deutschland e.V. (SFV)
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Datum: 20.08.2002 überarbeitet 13.04.2006
Offener Brief an einen Zweifler
Wolf von Fabeck: Ist vollständiger Ersatz der konventionellen
Energien durch die Erneuerbaren Energien möglich?
Sehr geehrter Zweifler an einer vollständigen Energiewende,
Sie wissen ja, wir vom Solarenergie-Förderverein sind davon
überzeugt, dass ein vollständiger Ersatz der konventionellen
Energiequellen durch die erneuerbaren Energien aus Sonnenstrahlung,
Windkraft, Wasserkraft und Biomasse möglich ist. Doch Sie haben
Ihre begründeten Zweifel.
Viele der mit Energiefragen befassten Fachleute bestreiten wie
Sie, dass die erneuerbaren Energien das Potenzial hätten, die
Energiequellen Kohle, Öl, Erdgas und Uran zu ersetzen. Auch
ein großer Teil der Bevölkerung teilt Ihre Zweifel. Zwar
erfreuen sich die Erneuerbaren Energien der größten Beliebtheit,
aber ob sie einen VOLLSTÄNDIGEN ERSATZ bereitstellen können,
das mögen Viele nun doch nicht glauben.
Die Tatsache, dass unsere Überzeugung bisher nur von einer
Minderheit geteilt wird, beweist allerdings nicht, dass sie falsch
ist, es könnte auch daran liegen, dass der Gedanke für
die Mehrheit noch zu neu ist und erst verarbeitet werden muss. Deshalb
schreibe ich Ihnen diesen Brief.
Meines Wissens ist die Idee von der Möglichkeit einer vollständigen
Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien überhaupt erstmals
in den neunziger Jahren einem größeren Publikum öffentlich
mitgeteilt worden. Unser Solarenergie-Förderververein gehörte
zu den Ersten, die diese Möglichkeit publiziert haben. Mit
der Argumentationslage sind wir somit gut vertraut.
Ein neues Weltbild?
Es ist in der Geschichte ja schon öfter vorgekommen, dass sich
eine neue Erkenntnis gegenüber einer alten Überzeugung
durchsetzen musste. Paradebeispiel war die erbitterte Diskussion
der Frage, ob die Erde um die Sonne kreist. Die Schwierigkeiten,
die die ersten Anhänger der neuen Erkenntnis damals hatten,
sind ja bekannt.
Bei der Energie-Frage ist es noch schwieriger, zu einer objektiven
Beurteilung zu kommen, denn hier geht es nicht nur um eine akademische
Frage, sondern auch um erhebliche Wirtschaftsinteressen. Unterstellen
wir einmal, wir, die Anhänger der "neuen Lehre" hätten
recht und es würde uns gelingen, die Regierung oder das Parlament
zu überzeugen, so würde die wirtschaftspolitische Unterstützung
der konventionellen Energiebereitstellungstechniken plötzlich
fraglich sein. Es könnte geschehen, dass die bisherigen Kohlesubventionen
schneller als vorgesehen eingestellt würden, es könnte
geschehen, dass der Kernenergie die großzügige Befreiung
von der Haftpflichtversicherung und die steuerliche Befreiung ihrer
Rückstellungen zukünftig nicht mehr gewährt würde,
und es könnte geschehen, dass die Erneuerbaren Energietechniken
die Unterstützung bekämen, die wir seit langem fordern,
nämlich eine wirklich kostendeckende Einspeisevergütung,
die zu Eigenkapitalrenditen führt, wie sie in der Stromwirtschaft
üblich sind. Immer noch unterstellt, dass wir tatsächlich
recht hätten, würde sich daraus dann ein so gewaltiger
Aufschwung der Erneuerbaren Energien ergeben, dass die bereits geplanten
Investitionen in konventionelle Großkraftwerke sich als "stranded
investments" erweisen würden, wodurch wiederum die bisherigen
Ratgeber und Fachleute der konventionellen Energietechniken in aller
Öffentlichkeit bloßgestellt wären und sich den Zorn
ihrer Aktionäre zuziehen würden. Diese Überlegung
warnt uns, dass bei manchen Fachleuten eine gewisse Befangenheit
in dieser Frage nicht ganz ausgeschlossen werden kann.
Naturgesetz oder politische Meinung?
Die Formulierung einiger Fachleute, dass es - auch auf lange Sicht
- 'ausgeschlossen' sei, den Energiebedarf der Menschheit vollständig
durch Erneuerbare Energien zu decken, zeigt in der Tat eine hohe
emotionale Beteiligung. Eine Formulierung in dieser Striktheit und
Endgültigkeit ist unter wissenschaftlich argumentierenden Fachleuten
sonst eher ungewöhnlich; sie ist allenfalls für die Wiedergabe
eines Naturgesetzes zulässig. In einem naturwissenschaftlichen
Lexikon darf es heißen: "ES IST AUSGESCHLOSSEN ..."
Z.B.: "Es ist ausgeschlossen, eine Maschine zu bauen, die mehr
Nutzenergie liefert, als ihr an Energie zugeführt wird (Perpetuum
Mobile 1. Art)".
Doch genau wie ein Naturgesetz ist die Aussage der genannten Fachleute
formuliert und es wird demzufolge in der Öffentlichkeit (vielleicht
auch von Ihnen?) wie ein Naturgesetz verstanden, dass es ausgeschlossen
sei, den Energiebedarf der Menschheit vollständig durch erneuerbare
Energien zu decken.
Aber ein Naturgesetz ist dies überhaupt nicht. Eine Solarzellenfläche
mit der Kantenlänge 160 km mal 160 km - auf Pontons in der
Nordsee oder auf Gestellen in der Wüste oder wo auch immer
unter dem freien Himmel zwischen Polarkreis und Äquator - würde
z.B. ausreichen, nicht nur den Strombedarf, sondern sogar den jetzigen
Gesamtenergiebedarf von ganz Deutschland zu decken. Natürlich
sieht so nicht die Lösung aus, die wir vorschlagen, aber zur
Widerlegung eines vermuteten Naturgesetzes - zur sogenannten "Falsifizierung"
- genügt jedes beliebige nachvollziehbare Beispiel. Unser Beispiel
haben wir deshalb gewählt, weil es sich sehr einfach rechnen
lässt.
Die oben erwähnten Fachleute sagen zwar, die Energiewende
sei ausgeschlossen, bzw. unmöglich. Was Sie aber tatsächlich
meinen, ist eigentlich etwas anderes. Sie halten die technischen
Schwierigkeiten, die Kosten, die Probleme bei der politischen Durchsetzung
für so groß, dass sie nicht GLAUBEN, dass eine Energiewende
möglich sein wird. Ihre oben erwähnte Befangenheit und
der - vielleicht noch nicht einmal vor sich selbst eingestandene
- Wunsch, dass es nicht so rasch zu dieser Energiewende kommen möge,
damit sie nicht blamiert dastehen, lässt sie jedoch eine Formulierung
wählen, zu der sie bei strenger Wissenschaftlichkeit eigentlich
nicht berechtigt wären.
Brauchen wir die Energiewende?
Ich glaube aber auch, dass es in einer Diskussion mit Ihnen, sehr
geehrter Zweifler, erst einmal darauf ankommt, dass wir uns über
die NOTWENDIGKEIT einer Energiewende verständigen. Dazu einige
Gedanken:
Niemand kann ausschließen, dass es wirklich zu der befürchteten
Klimakatastrophe kommt, lange bevor die fossilen Energieträger
erschöpft sein werden. Die Klimaforscher und Biologen sagen
für diesen Fall so gravierende Folgen vorher, dass die politische
Verantwortung gebietet, das "Experiment" einer kontinuierlich
fortgesetzten Treibhausgas-Emission möglichst rasch abzubrechen.
Seit dem 11. September warnen Sicherheitsexperten vor Terroranschlägen
und werden bei ihren Warnungen noch von den verantwortlichen Politikern
unterstützt. Dass die selben Verantwortlichen nicht alles daran
setzen, den weiteren Betrieb von Atomkraftwerken so rasch wie möglich
zu unterbinden, ist für uns logisch nicht mehr nachzuvollziehen.
Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass irgendwann
in gar nicht so ferner Zukunft - Klima- und Atomkatastrophe hin
oder her - die Ausbeutung der fossilen Energieträger und des
Urans den wachsenden Energiebedarf der Menschheit ohnehin nicht
mehr zu decken vermag. Es ist jetzt nicht die Rede davon, dass dann
auf einen Schlag alle Erdöl-, Gas- und Uranvorkommen erschöpft
sein werden; das mag noch hundert oder zweihundert Jahre dauern.
Aber: Das Ende kommt lange vor dem endgültigen Verbrauch aller
Ressourcen! Das Ende beginnt bereits, wenn das Angebot nicht mehr
so rasch gesteigert werden kann, wie die steigende Nachfrage. Denken
wir doch z.B. daran, dass in China die individuelle Motorisierung,
der Umstieg vom Fahrrad auf das Auto, in vollem Gang ist. Die Nachfrage
nach Treibstoff nimmt dadurch in bisher nie dagewesenem Tempo zu.
Wenn aber die Förderung von Öl und Gas nicht mehr im gleichen
Tempo gesteigert werden kann wie die Nachfrage, werden nach dem
ehernen Gesetz von Angebot und Nachfrage rasante Preissteigerungen
einsetzen, bei denen die ärmeren Völker bald aufgeben
müssen und den reicheren Völkern die Geldmittel entzogen
werden, die sie eigentlich für den Umbau ihrer Energiewirtschaft
benötigen.
Die zweite Phase des Endes setzt ein, wenn die Förderung von
Gas und Öl ihren Höhepunkt erreicht hat und danach zurückgeht.
Auch wenn immer wieder einmal neue Erdöl- oder sonstige Reserven
gefunden werden, ist das Ende trotzdem irgendwann erreicht. Wie
beim Ostereier-Suchen, könnte man scherzeshalber sagen, doch
zum Scherzen ist hier kein Anlass gegeben, denn das Ende der konventionellen
Energiereserven könnte das Ende der technischen Zivilisation
bedeuten, wenn vorher keine Alternativen bereitgestellt worden sind.
Ende oder Wende?
Wer von unseren Mitbürgern würde sich wohl mit dem Ende
der technischen Zivilisation abfinden und freiwillig zu mittelalterlichen
Produktionsverfahren, Wohnkomfort und Reisemöglichkeiten zurückkehren?
Nur wenige, nehme ich an. Es ist deshalb zu befürchten, dass
es zwischen den Industrienationen dieser Welt zu erbitterten Verteilungskämpfen
um die letzten Reserven kommen wird, die sogar mehr als das Überleben
der Zivilisation in Frage stellen können.
Es ist deshalb eine Frage vorausschauender Verantwortung, rechtzeitig
darüber nachzudenken, welchen Ersatz es dann geben soll. Mehr
noch: Weil es viele Jahrzehnte braucht, ein neues Energieversorgungssystem
aufzubauen, genügt es nicht, darüber nur nachzudenken,
genügt es nicht, auf dem Reißbrett und in den Forschungslabors
einige Prototypen zu planen und zu errichten. Die Entwicklung eines
weltumspannenden Energieversorgungssystems ist eine Jahrhundertaufgabe
und kann nur gelöst werden, wenn ständig zunehmende Nachfrage
zur Massenproduktion führt und so die Möglichkeit und
den Anreiz liefert, neue Forschungsergebnisse in der Praxis zu erproben.
Wenn erst einmal die Ölpreise wegen Verknappung so richtig
in die Höhe gehen und schließlich explodieren, oder wenn
die Beseitigung unwetterbedingte Schäden immer mehr finanzielle
Reserven verschlingt, wird das Geld und die Zeit fehlen, den gesamten
Wohnungsbestand der Bundesrepublik mit Wärmedämmung zu
versehen, wird es zu spät sein, alle 7-Liter-Autos gleichzeitig
zu verschrotten und 2-Liter-Autos in Serie zu geben. Dann wird es
insbesondere zu spät sein, all die bis dahin vielleicht erarbeiteten
Forschungsergebnisse aus den Aktenschränken zu holen, in der
Absicht, auf Millionen von Dächern Solarstromanlagen zu errichten.
Es muss deshalb planvoll schon jetzt mit dem Aufbau derjenigen
Techniken begonnen werden, die heute verfügbar sind. Wir beim
Solarenergie- Förderverein und bei vielen ähnlichen Nicht-Regierungs-Organisationen
sind hier schon seit 19 Jahren intensiv tätig.
Die Tatsache, dass die Stromwirtschaft seit Erfindung der Wasserstoffbombe
ihre Hoffnung auf die Kernfusion setzt, darf uns nicht dazu verleiten,
die Hände in den Schoß zu legen, denn noch ist nicht
sicher, ob diese Technik funktionieren wird, und falls sie funktioniert,
ob sie noch rechtzeitig zur Serienreife kommt, ob sie auch in Entwicklungsländern
ohne Stromnetz, mit wenig ausgebildeten Ingenieuren und Technikern
anwendbar sein wird, und ob die von ihr bereitgestellte Energie
preiswert genug sein wird.
Zweifel als politische Waffe
Die Stromwirtschaft instrumentalisiert die Zweifel am Potential
der erneuerbaren Energien als Waffe im Kampf gegen eine unerwünschte
Konkurrenz. Auf Politiker, die angesichts der anstehenden Probleme
eine energische Entscheidung zur Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen
treffen müssten, wirken diese Zweifel entmutigend und lähmend.
Ich kann mich noch gut an eines der ersten Statements von Dr. Angela
Merkel erinnern, nachdem sie Umweltministerin geworden war. Sie
verwendete wörtlich eine Werbeaussage - besser gesagt eine
Antiwerbung - der konventionellen Energiewirtschaft, die damals
in allen großen Zeitungen veröffentlicht wurde. Dort
hieß es: "Sonne, Wasser und Wind können auch langfristig
nicht mehr als 4% unseres Strombedarfs decken". Die Anzeige
erschien Anfang 1993 und war unterschrieben von den 6 größten
Stromkonzernen der Bundesrepublik. Es war nur eine von vielen.
Die Folgen spüren wir noch heute: Unter den Politikern - insbesondere
des konservativen Lagers haben die Erneuerbaren Energien nur wenige
Freunde, obwohl doch gerade dort, wegen des Anspruchs auf Bewahrung
der Schöpfung Verständnis und die Bereitschaft wenigstens
zum Zuhören vorhanden sein müsste. Das Vorurteil, dass
inkompetente linke, grüne Spinner und Weltverbesserer sich
mit ungeeigneten Vorschlägen in ein Thema einmischen, das nur
von den Fachleuten der Energiewirtschaft beherrscht wird, sitzt
tief und lässt noch nicht einmal ein sachliches Gespräch
zu Stande kommen.
Dabei haben die Fachleute der Stromwirtschaft mit der Behauptung
von den maximal möglichen 4% sich nachweislich getäuscht.
Schon jetzt, dreizehn Jahre nach Erscheinen der Anzeige sind bereits
über 10 Prozent, d.h. das Zweieinhalbfache des von ihnen für
möglich gehaltenen Wertes erreicht.
Doch Zweifel werden weiterhin verbreitet. Inzwischen heißt
es - nunmehr etwas vorsichtiger formuliert - die erneuerbaren Energien
würden nie einen "nennenswerten" Anteil erbringen.
Ist den Zweiflern, die solche Aussagen ungeprüft weitergeben,
eigentlich die Konsequenz bewusst? Angesichts einer immer deutlicher
sich abzeichnenden Menschheitsgefahr verbreiten sie Entmutigung
und lähmen die Bereitschaft zur gemeinsamen Abwehr des Unheils.
Das Gebot des Handelns
Ich möchte das Thema heute mit folgender Anmerkung vorläufig
abschließen: Wenn es aus einer lebensgefährlichen Situation
nur einen einzigen Ausweg gibt, dann stellt sich nicht mehr die
Frage, wie komfortabel dieser Ausweg ist, sondern dann gilt das
Gebot des gemeinsamen Handelns; darüber gibt es im Augenblick
der Gefahr keine Diskussion. Das Problem in der Energiefrage liegt
jedoch darin, dass die Gefahr von den schon mehrfach zitierten Fachleuten
der Energiewirtschaft nicht thematisiert wird. Dabei bereitet sich
hinter den Kulissen ein energiewirtschaftliches Drama ohnegleichen
vor. Mit einiger Phantasie können wir den Gang der weiteren
Entwicklung durchaus schon vorhersehen, auch wenn wir keine exakten
Jahreszahlen nennen können. Über kurz oder lang müssen
wir die Nutzung der konventionellen Energien entweder aus Klimaschutzgründen
zwangsweise rationieren oder wegen Versiegens der Ressourcen zurückfahren.
Was wir bis dahin an Erneuerbaren Energien bereitgestellt haben,
wird dann alles sein, was uns als Alternative zur Verfügung
steht. Es liegt an uns, wie viel das im Vergleich zur heutigen Energieversorgung
sein wird (10%, 50%, 100%). Wenn erst einmal die Preise für
die konventionellen Energien in die Höhe gehen und schließlich
explodieren, oder die Ausgaben für die Beseitigung unwetterbedingter
Schäden das Volksvermögen aufzehren, wird ein Nachbessern
kaum noch möglich sein. In einer Volkswirtschaft, die bis dahin
noch nicht vollständig umgestellt ist, muss dann für die
Versorgung mit den noch verbliebenen konventionellen Energien und
für technische Maßnahmen zur Reduzierung des Energieverbrauchs
von Monat zu Monat mehr Volksvermögen aufgewendet werden. Dieses
fehlt dann beim Aufbau einer alternativen Energieversorgung.
Je mehr wir also durch heutige Zweifel den Aufbau der erneuerbaren
Energien bremsen, umso schwieriger wird später die Durchführung
der Energiewende sein. Dann gilt, wie so häufig im politischen
Leben, das schlimme Gesetz von der sich selbst erfüllenden
Prophezeiung.
Deshalb mit der freundlichen Bitte zur Überprüfung Ihrer
Zweifel
und mit freundlichen Grüßen
Wolf von Fabeck
Dipl.-Ing. und Geschäftsführer im Solarenergie-Förderverein
Deutschland
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